Montag, 20. August 2018

Deutsche Bank vor Hauptversammlung Dauerbaustelle Deutsche Bank - Druck auf Achleitner wächst

Paul Achleitner: Für viele ist der Chefaufseher der Deutschen Bank Teil des Problems

Die Deutsche Bank lässt ihre Aktionäre seit Jahren auf bessere Zeiten warten. Doch das Vertrauen schwindet, der Aktienkurs taumelt weiter. Aufsichtsratschef Paul Achleitner muss sich auf viel Kritik einstellen.

Nach dem abrupten Chefwechsel bei der Deutschen Bank steht wieder einmal Aufsichtsratschef Paul Achleitner im Fokus. Dass Privataktionäre bei der Hauptversammlung die Abwahl des Österreichers betreiben, ist seit Jahren Teil der Inszenierung. Doch für das Aktionärstreffen an diesem Donnerstag (24.5.) in Frankfurt haben auch einflussreiche Stimmrechtsberater kritische Fragen an die Adresse des seit Juni 2012 amtierenden Chefkontrolleurs angekündigt.

Am Sonntag nach Ostern beförderte der Aufsichtsrat den bisherigen Konzernvize Christian Sewing auf den Chefsessel - und Amtsinhaber John Cryan vor die Tür. Dass der von Achleitner selbst als Sanierer eingesetzte Brite vorzeitig gehen musste, obwohl er etwa beim Abbau juristischer Altlasten erfolgreich Tempo gemacht hatte, erschloss sich nicht jedem Investor.

Cryan, Hammonds und viele mehr: Die Abgänge der Ära Achleitner

Warum schon wieder ein neuer Chef, nachdem Cryan erst im Sommer 2015 das Intermezzo des in Sachen "Kulturwandel" weitgehend erfolglosen Duos Anshu Jain/Jürgen Fitschen beendet hatte? Was soll Sewing grundsätzlich anders machen, wo doch die Geschäfte weiter schwächeln? "Wir haben einige Fragen an Herrn Achleitner", kündigte unter anderem Hans-Christoph Hirt vom Stimmrechtsberater Hermes an. Manche Kritiker halten Achleitner für das eigentliche Problem.

Achleitners Vorteil: Katar und HNA wollen jetzt erst einmal Ruhe haben

Viele Aktionäre werfen Achleitner vor, er habe den Wechsel an der Spitze schlecht orchestriert, mit Sewing nur den am einfachsten verfügbaren - weil internen - Kandidaten ausgewählt und in den vergangenen Jahren überhaupt wenig Geschick bei der Auswahl des Spitzenpersonals bewiesen.

Zu einer Aktionärsrevolte, die Achleitner vier Jahre vor Ende seiner zweiten Amtszeit zum Rückzug zwingt, dürfte das allerdings nicht reichen. Denn die Großaktionäre - das Emirat Katar, der chinesische Mischkonzern HNA und die Fondsgesellschaft Blackrock - wollen nach dem hastigen Chefwechsel im April unbedingt Ruhe. Und der einflussreiche Aktionärsberater ISS stärkte dem angeschlagenen Achleitner erst vor ein paar Tagen sogar den Rücken. So kurz nach dem Wechsel des Vorstandschefs wäre eine Wachablösung an der Spitze des Aufsichtsrats gefährlich für die Stabilität des Geldhauses, argumentiert ISS.

Einen Freibrief bekommt Achleitner allerdings nicht: Sollten die Aktionäre der Meinung sein, dass der 61-Jährige nicht mehr der richtige Mann sei, um das Kontrollgremium zu führen, müssten sie eine konkrete Alternative benennen, erklärte der Stimmrechtsberater.

Drei Verlustjahre in Folge - und eine verheerende Bilanz

Die jüngere Bilanz der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen ist verheerend: Drei Jahre in Folge schrieb die Deutsche Bank Verluste; im Kapitalmarktgeschäft - vor der Finanzkrise 2007/2008 eine Goldgrube - fielen die Frankfurter weit hinter die angloamerikanische Konkurrenz zurück; im heimischen Privat- und Firmenkundengeschäft machen ihr Sparkassen, Volksbanken, Commerzbank Börsen-Chart zeigen und Direktbanken das Leben schwer. Und die Deutsche-Bank-Aktie war sogar in der schlimmsten Phase der jüngsten Finanzkrise mehr wert als aktuell.

"Wir werden den Kurs unserer Bank jetzt ändern. Es gibt keine Zeit zu verlieren", betonte der neue Konzernchef Sewing. "Wir werden bei der Deutschen Bank diejenigen Werte wiederbeleben, auf denen die Bank vor annähernd 150 Jahren gegründet wurde." Dazu gehörten "ein klarer Blick, Disziplin in der Umsetzung und Stolz auf die Arbeit". Sewing fordert aber auch mehr "Jägermentalität" von den Mitarbeitern.

Sewing will Investmentbanking schrumpfen

Beim Konzernumbau drückt der 48-Jährige aufs Tempo: Das Investmentbanking wird unter der Ägide des vormaligen Privatkundenchefs Sewing geschrumpft - vor allem in den USA. Zu der Sparte gehören beispielsweise die Beratung von Firmen bei Börsengängen oder der Handel mit Wertpapieren aller Art.

Schlankere Führungsstrukturen sollen die Kosten zusätzlich drücken. Die Bank verringert die Zahl der Führungskräfte unterhalb des Vorstands in der Privatkundensparte wie im Investmentbanking um ein Drittel. Auch der Vorstand soll nach dem Aderlass nur noch neun statt zwölf Mitglieder haben: John Cryan hat die Bank bereits verlassen, mit Ablauf der Hauptversammlung scheiden auch die zuletzt in die Kritik geratene IT-Chefin Kim Hammonds und der lange als Kronprinz gehandelte Investmentbanker Marcus Schenck aus.

Chefkontrolleur Achleitner (61) unterdessen macht bislang keine Anstalten, seinen Posten vorzeitig zu räumen. Bei der Hauptversammlung im vergangenen Jahr sprachen ihm die Aktionäre mit großer Mehrheit das Vertrauen für eine zweite fünfjährige Amtszeit bis zur Hauptversammlung 2022 aus. Neu in den Aufsichtsrat gewählt werden soll beim diesjährigen Aktionärstreffen unter anderen der ehemalige Chef der Wall-Street-Bank Merrill Lynch, John Thain.

la/dpa/reuters

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