Samstag, 27. August 2016

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Deutsche-Bank-Sanierer John Cryan Operation am offenen Herzen

Kostenoptimierer: Deutsche-Bank-Chef John Cryan

Eines kann man John Cryan gewiss nicht vorwerfen: dass er sich zu Übersprunghandlungen hinreißen lässt und angesichts des desolaten Zustands der Deutschen Bank eine Blut-, Schweiß- und Tränenrede an die Mitarbeiter und Investoren hält. Für derart emotionale Aufwallungen ist der Vorstandschef, ein gelernter Wirtschaftsprüfer, wohl zu sehr Brite. Zumal er in seinem früheren Leben als Finanzvorstand der Schweizer UBS schon einmal tief durch den Morast waten musste und das alles nur zu gut kennt.

So referierte Cryan auch am Donnerstagmorgen so nüchtern wie möglich die Geschäftszahlen des Instituts, das für 2015 mit 6,8 Milliarden Euro den höchsten Verlust seiner Geschichte ausweist. Ein paar Hinweise auf Fortschritte beim Abbau der Bilanz sowie der Dank an die "mehrheitlich erstklassigen" Konzernangestellten für ihren "unermüdlichen Einsatz": Allenfalls eine Minidosis Zuversicht rundete seinen Vortrag ab.

Mehr an positiven Signalen geben die Zahlen allerdings auch gar nicht her. Denn selbst wenn man alle Sonderfaktoren wie die Kosten für Rechtsstreitigkeiten und Stellenabbau vernachlässigt, wird beim Blick auf die Geschäftsfelder offenkundig, wie schwer es die Deutsche Bank künftig haben wird, zu alter Exzellenz zurückzukehren.

Nirgends wird das so deutlich an der Stelle, wo sie ihre relative Stärke hat: im Kapitalmarktgeschäft, das in der Sparte Corporate Banking & Securities (CB&S) zusammengefasst ist. Im Handel mit Wertpapieren und der Beratung von Firmenkunden sank der Umsatz im vierten Quartal um satte 30 Prozent. Das ist ein dramatischer Einbruch der Geschäftsaktivität im Herzen der Bank.

Manches davon mag dem Rückzug aus bestimmten Bereichen und dem zeitweise schwierigen Marktumfeld geschuldet sein; aber Cryan wies auch darauf hin, dass das Unternehmen Marktanteile verliert, vor allem im Aktienhandel. In der Königsdisziplin Fusionsberatung und Börsengänge betrug das Minus im Schlussquartal sogar satte 43 Prozent - in einem Jahr, das regelrecht brummte vor Mega-Transaktionen.

Die US-Konkurrenz hat eine völlig andere Umlaufbahn erreicht

Vor einem "alarmierenden Kollaps der Erträge" in der CB&S-Sparte sprechen die Analysten der Citigroup. Überdies gehen sie davon aus, dass die Bank angesichts weiterer Rechtskosten erneut eine Kapitalerhöhung durchziehen muss. Stimmt diese Einschätzung, und es spricht vieles dafür, wird sich die Deutsche Bank immer weiter von ihren wichtigsten Rivalen an der Wall Street entfernen, die inzwischen eine völlig andere Umlaufbahn erreicht haben.

Schleierhaft bleibt, wie sie wieder attraktiv werden will für neue Mitarbeiter, die neue Kunden und neues Geschäft anschleppen. Beides ist dringend nötig, die aktuellen Zahlen belegen das eindrucksvoll. Die Boni jedenfalls werden drastisch sinken (der Vorstand geht sogar ganz leer aus, wie der Aufsichtsrat gerade beschlossen hat), der Aktienkurs ist im Dauertief, selbst die Dividende fällt auf Jahre aus: Der Deutschen Bank fehlt es schlicht an Argumenten, "high potentials" für sich zu begeistern.

Cryan macht nicht gerade den Eindruck, als würde er sich darüber allzu viele Gedanken machen. Der Frage nach seiner langfristigen Vision für das Institut und seiner Rolle dabei wich er geschickt aus; lieber sprach er von den Mühen des teilweise frustrierenden Tagesgeschäfts. Hätte sich der CEO auf Helmut Schmidt berufen und den Ruf nach einer Vision mit der Empfehlung zum Arztbesuch gekontert - man hätte sich nicht gewundert.

Für den Moment mag das noch die richtige Taktik sein. Aber langfristig läuft Cryan Gefahr, einzig über seine Rolle als Kostenoptimierer definiert zu werden. Ihm selbst scheint das wenig auszumachen, wie er zwischen den Zeilen einräumte. Für die Deutsche Bank freilich macht das sehr wohl einen Unterschied. Sie braucht mehr, als sich nur über Kostenblöcke zu definieren.

Cryans Brief an die Mitarbeiter lesen Sie hier


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