Freitag, 24. November 2017

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John Cryans Brachialkritik Jeder zweite Deutschbanker ist überflüssig - sagt der Bankchef

John Cryan

Um eine Wiederwahl scheint sich John Cryan nicht zu bewerben. Der Chef der Deutschen Bank nimmt die Kritik an mangelndem internem Rückhalt zum Anlass, noch unverblümter die eigenen Leute zu kritisieren.

Wie eine Kampfansage an die Angestellten liest sich ein Interview Cryans mit der "Financial Times" (kostenpflichtig). "Wir beschäftigen 97.000 Leute", sagt Cryan. "Die meisten großen Wettbewerber haben eher halb so viele" - eine Andeutung, dass er es nicht beim laufenden Abbau von 9000 Stellen belassen würde.

Zehntausende Jobs in der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen sind aus Sicht des Chefs bloß Ausdruck technischer Rückständigkeit. "Wir machen zu viel Handarbeit, was uns fehleranfällig und ineffizient macht", sagt Cryan. Vieles ließe sich automatisieren. Schon im September hatte er mit einer Äußerung Aufsehen erregt, viele Banker arbeiteten ohnehin "wie Roboter" - die könne man genauso gut durch echte Roboter ersetzen.

Der "Financial Times" sagte der CEO, das Verhältnis von Back-Office-Jobs zu Bankern, die tatsächlich Erträge erwirtschaften, sei "aus dem Lot". Einige Überwachungsaufgaben, die keinen Wettbewerbsvorteil brächten, könnte man sich auch mit anderen Banken teilen. Nebenbei gab Cryan noch den Filialbeschäftigten, die gerade mit der Postbank Zuwachs bekommen, etwas mit: "Die Wahrheit ist, dass ich in vielen Filialen einen guten Teil des Tages warten müsste, bevor ich Kunden treffe."

Auch Cryan selbst könnte seinen Job verlieren

Zugleich mit dem Interview hat das Blatt eine große Reportage veröffentlicht, "wie die große Wette der Deutschen Bank schiefging" (kostenpflichtig). Darin finden sich mehrere Stimmen, die John Cryan zwar loben, mit seiner nüchternen Art große Fehler aus der Finanzkrise bereinigt und die Deutsche Bank bescheidener aufgestellt zu haben - mit dem Sparkurs aber zu weit zu gehen.

"Cryan ist fast zu ehrlich", kommentiert Berenberg-Analyst James Chappell. "Das ist nicht gut für die Moral." Auch Deutsche-Bank-Manager beklagen - anonym - , die harten Urteile des Chefs könnten "sehr deprimierend" wirken. Keine Boni, keine Aussicht auf neues Wachstum - das sorge für reihenweise Abgänge auch wichtiger Leute aus dem Konzern.

"Das große Problem ist, dass John keine Vision hat", sagt ein Manager, den die "Financial Times" als Freund Cryans beschreibt. Deshalb stehe der Brite unter Druck vom Aufsichtsrat, von Großaktionären und von der Belegschaft. "Es würde mich wundern, wenn er in einem Jahr noch da wäre."

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