Dienstag, 22. August 2017

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Georg Thoma über Führungskultur Ex-Aufsichtsrat der Deutschen Bank über den unschätzbaren Wert der inneren Unabhängigkeit

Georg Thoma
BürgerStiftung Düsseldorf
Georg Thoma

Georg Thoma ist einer der versiertesten deutschen Wirtschaftsanwälte. Von 2013 bis 2016 leitete er den Integritätsausschuss im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, bevor er nach einem internen Streit sein Amt niederlegte. Der Text ist eine leicht gekürzte Fassung eines Vortrags Thomas von Anfang April an der WHU.

Der Schriftsteller Christoph Ransmayr, der mit "Cox oder der Lauf der Zeit" einen wunderbaren Roman zum Thema Zeit vorgelegt hat, hat den halben Erdball bereist. Für seine Bücher nahm er an Expeditionen in die Arktis teil und lebte mit Gorillas im Regenwald des Kongobeckens. Doch er betont bei jeder Gelegenheit, dass ihm all dies nur gelang, weil er es ins Verhältnis zu seiner Heimat setzen konnte.

Er kehrt sogar regelmäßig in das österreichische Dorf zurück, in dem er geboren wurde. Und erst dort, in der tiefsten Provinz, schreibt er dann die Romane, die den Geist des ganzen Globus atmen.

Was den Schriftsteller bewegt: das Interesse an dem, was ihn im Kern ausmacht. Man sucht danach in kreisenden, in widersprüchlichen Bewegungen. Man umrundet die Welt, schaut zurück und entwirft zugleich die Zukunft. Anders gewendet: Man fragt sich: Wie soll es weitergehen? Was bewegt mich? Was will ich noch bewegen? Und: Was zählt eigentlich?

Nachhaltiges Wachstum und wahrer Fortschritt sind nur möglich, wenn sie sich im Rückgriff auf ursprüngliche Tugenden ereignen - unabhängig vom Druck und von den Erfordernissen des Tagesgeschäftes, von kurzfristigem Gewinn und kurzsichtigen Interessen anderer. Und diese Unabhängigkeit ist der Schlüssel für so vieles - auch und nicht zuletzt für verantwortungsbewusste Führung.

Gerade in diesen Tagen sehen wir das immer wieder bestätigt. Die Publizistin Carolin Emcke, Trägerin des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels 2016, die sich mit Diskriminierung und Hass und mit dem Rechtsruck der westlichen Welt beschäftigt, sieht zum Beispiel eine Hauptursache der steigenden politischen Instabilität im Versagen von Spitzenkräften.

Sie beklagt, dass die ökonomischen Eliten ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht geworden sind. Selbst in der verhältnismäßig gut gestellten und sicheren Bundesrepublik lebt ein spürbarer Prozentsatz der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, und das nicht selten trotz Vollbeschäftigung und ein ebenso spürbarer Prozentsatz schafft es nicht, den revolutionären Entwicklungen in der Welt zu folgen.

Solche Entwicklungen führen dazu, dass sich Gräben auftun, die immer tiefer zu werden drohen. Bei dem angefangenen Wahlkampf werden wir das wieder erleben: Zwei völlig entgegengesetzte Narrative legen sich über unser Land. "Es geht uns so gut wie nie", werden die einen sagen. "Immer mehr Menschen werden abgehängt und zurückgelassen", sagen die anderen. Man lebt nicht mehr im selben Land, nicht mehr in derselben Gesellschaft. Dein Land ist nicht mein Land - und umgekehrt.

Es ist aber unser Land und - nebenbei gesagt - auch unser Europa und unsere Welt!

Wie kann man diese Gräben überwinden, wie das Ganze im Auge behalten? Und wer kann das? Was können zum Beispiel Sie und ich tun?

Nun, zunächst einmal sollten wir lernen, uns nicht zu überschätzen: Wir werden, salopp gesagt, die Welt nicht morgen retten können. Weder lassen sich im Handstreich die verheerenden Schäden rückgängig machen, die auch wir beispielsweise manchen Regionen, zum Beispiel dem afrikanischen Kontinent zugefügt haben. Noch können wir, um ein überschaubar dimensioniertes Beispiel zu wählen, verhindern, dass ein Unternehmen nur eine kosmetische Teilmodernisierung vornimmt, anstatt sich von Grund auf neu zu strukturieren.

Aber wie steht es damit im eigenen Unternehmen, an dem Platz, an dem wir arbeiten? Sind wir wirklich gezwungen, mit dem Strom zu schwimmen, zu tun, was alle tun? Oder können wir einen Unterschied machen und das tun, was gut und richtig ist?

Ich glaube: Wir können das. Aber wir können es nicht ohne weiteres. Wir können es nur, wenn wir eine Idee vom Ganzen haben - ein Modell der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte, denn nur eine solche Idee bewahrt uns davor, dass wir uns im Klein-Klein des betriebswirtschaftlichen Alltags verlieren - oder auch des juristischen. Denn natürlich müsste auch unter jedem Gesetzesentwurf nicht nur die Frage stehen "Was bedeutet dieses Gesetz für den Haushalt der Bundesrepublik?", sondern auch: "Was bedeutet dieses Gesetz für die Gesellschaft insgesamt, was bedeutet es für Europa oder sogar für die Welt?"

Solche Fragen können wir uns nur stellen und nur richtig beantworten, wenn wir unabhängig bleiben. Nur ein eigenes Urteil bewahrt uns davor, in die Interessen der anderen verwickelt und eine Figur auf ihrem Schachbrett zu werden. Nur wer unabhängig ist, kann wertorientierte und überlegte Entscheidungen treffen, die den Lauf der Dinge, im Kleinen wie im Großen, entscheidend beeinflussen.

Ich selbst war davon persönlich schon immer überzeugt und hätte genau dieselbe Aussage auch schon vor zehn oder zwanzig Jahren genauso getroffen. Mittlerweile aber treffe ich sie mit noch größerer Entschiedenheit und zugleich mit einem noch weiter geschulten Bewusstsein dafür, wie schwierig es oftmals ist, diese Unabhängigkeit in der Praxis zu bewahren.

Wie Sie vielleicht wissen, hat die Deutsche Bank vor einigen Jahren zur Aufarbeitung diverser Probleme und zur Stärkung der Corporate Social Responsibility in der Zukunft einen Integritätsausschuss ins Leben gerufen. Und wie Sie vielleicht ebenfalls wissen, habe ich diesen Ausschuss von Mai 2013 bis April 2016 geleitet. Dann habe ich das Amt niedergelegt. Zwar ist hier nicht der Ort, auf die Umstände und Gründe im Einzelnen einzugehen. Ich erwähne diesen Rücktritt aber nicht ohne Grund im Zusammenhang mit der Unabhängigkeit.

Sie kann sehr unbequem werden - für andere, aber auch für einen selbst. Sie hat ihren Preis, aber auch ihren Lohn - zum Beispiel, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen; oder wenn Sie Berichte in den Zeitungen auch zwischen den Zeilen lesen: Personen und Gesichter kann man austauschen, die notwenigen Korrekturen in einem System aber lassen sich auf Dauer nicht verhindern - es sei denn, man riskiert, dass sich das System selbst dekonstruiert.

Wie aber erreicht und wie bewahrt man sich unter den bekannten Umständen seine Unabhängigkeit? Die Antwort heißt: Durch Bildung und Weiterbildung. Und zwar nicht nur durch fachliche Weiterbildung, sondern ganz ausdrücklich durch eine Weiterbildung, wie sie dezidiert zu fördern ist und auch gefördert wird, eine Weiterbildung, die über den Tellerrand der wirtschaftlichen oder juristischen Disziplinen hinausreicht, dorthin, wo die Unabhängigkeit der Person und die Unabhängigkeit des Urteils am tiefsten verwurzelt sind: in Wissenschaft, Kultur und Kunst.

Das ist meine Anregung und mein Appell: Lassen wir uns doch öfter von diesen Dreien inspirieren und vor allem: Lassen Sie uns doch noch öfter die Ermutigung nutzen, die von ihnen ausgeht. Denn - da hat der neue Bundespräsident aus meiner Sicht ganz Recht - wer ein Ideal wie die Unabhängigkeit auch unter den Erfordernissen des Anpassungsdrucks und der ganz alltäglichen Zumutungen der Wirtschaftswelt bewähren will, der braucht dies vor allem: Ermutigung. Und Mut!

Erinnern Sie sich zum Beispiel an Georg Friedrich Händel. Er zeigte sich zutiefst enttäuscht, als ihm sein Fürst vorschwärmte, wie gut ihm doch der "Messias" gefallen habe. Aber Händel, der durchaus auf die Gnade jenes Fürsten angewiesen war, antwortete: "Meine Absicht, Durchlaucht, war es nicht, Sie zu erfreuen. Meine Absicht war es, Sie zu bessern."

Nun hat zwar nicht jeder einen Händel an seiner Seite, und man braucht vielleicht auch keinen Messias. Und trotzdem können Wissenschaft, Kunst und Kultur uns dabei helfen, im sehr weiten Sinne des Wortes besser zu werden. Ich will Ihnen drei ganz persönliche Beispiele dafür geben, wie das gehen kann: ein Buch, ein Gemälde und ein Film.

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