Samstag, 16. Dezember 2017

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Finanzbranche Banker in der Sinnkrise

"Blockupy"-Demo in Frankfurt: Die Finanzkrise hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Finanzpolitik und den Bankensektor empfindlich gestört

Fünf Jahre Finanzkrise haben die Banker mürbe gemacht. Die Vertreter der Branche üben sich in Selbstgeißelung: Überraschend offen räumen sie ein, dass es auch heute noch kaum beherrschbare Risiken gibt.

Hamburg - Viele Anhänger hat Donald Rumsfeld nicht in Deutschland. Zu sehr ist der ehemalige US-Verteidigungsminister verstrickt in die düstere Ära Bush II. Immerhin aber hat der heute 83-Jährige einen Begriff geprägt, der inzwischen sogar Eingang in eine amerikanische Zeichentrickserie gefunden hat: Es ist der Ausspruch vom "unbekannten Unbekannten".

Mit ihm versuchte Rumsfeld 2002 zu begründen, warum es der US-Regierung an Beweisen mangelte, Iraks Regierung die Lieferung von Massenvernichtungswaffen an Terrorgruppen nachzuweisen: "Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen."

Auch in Deutschland sind seine Worte nicht in Vergessenheit geraten, wie sich in dieser Woche auf einer Konferenz des Analystenverbandes DVFA in Frankfurt zeigte. Vor dem Fachpublikum erläuterte zum Beispiel Hartmut Gau, Abteilungsleiter für strukturierte Produkte bei der genossenschaftlichen DZ Bank, dass bei den Banken eigentlich erst durch die Krise ein Bewusstsein entstanden sei für diese Risiken der Kategorie "unknown unknowns".

Die bis vor der Krise verwendeten Risikomodelle, so Gau, bezögen sich im Prinzip auf Ereignisse der Vergangenheit und leiteten daraus gewisse Gefahren für die Zukunft ab. Tatsächlich aber gebe es, frei nach Rumsfeld, so viele "unbekannte Unbekannte", dass auch die beste und modernste Risikomanagement-Methode viele Krisen nicht verhindern oder gar vorhersehen kann.

Ein ernüchterndes Fazit nach einem guten halben Jahrzehnt Krise und allerhand Anstrengungen, die Finanzwirtschaft robuster zu machen gegen künftige Schieflagen.

Eintritt des "unvorstellbaren Szenarios"

Als Beispiel nannte Gau den Ausfall von Staatsanleihen - ein bis zum griechischen Schuldenschnitt zumindest für die westliche Welt unvorstellbares Szenario, galten staatliche Schuldtitel doch als risikoloses Investment. Auch die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 war in den Risikomodellen nicht eingepreist: Was noch nie passiert ist, kann und darf auch nicht sein.

Inzwischen freilich wissen die Banken, dass da draußen unbekannte Gefahren lauern, gegen die die besten Modelle nicht ankommen. Noch bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2007 rühmten sich die Banken ihrer Rechenkonstrukte, die angeblich alle Eventualitäten abbilden. Als Standard-Risikomaß galt der sogenannte "Value at Risk", der aus historischen Kursdaten den maximalen Tagesverlust einer Bank errechnet.

"Damit schaut aber man nur in den Rückspiegel, das schien mir damals schon nicht das richtige Risikomaß zu sein", so Gau, dessen Abteilung zum Beispiel Zertifikate für Privatanleger erfindet. Sein Fazit: "Wir sind uns bewusst, dass wir nur ein unvollkommenes Bild entwickeln. Vielleicht wird auch mein Vortrag in zwei Jahren schon wieder ganz anders aussehen."

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