Dienstag, 23. Januar 2018

Banker in Frankfurt Frust, Angst - und super Gehälter

Bankenviertel in Frankfurt

Die Bankenbranche steckt in der Krise, viele Jobs sind überflüssig geworden. Warum bleiben die Gehälter trotzdem so üppig? Einblick in eine verblassende Welt.

Wenn man Thomas W. fragt, wie die Stimmung in seiner Branche sei, antwortet er schmallippig: "Frust". Es gebe "so viele Leute, die nichts zu tun haben", sagt W. "Man braucht einfach nicht mehr so viele Banker."

W., der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will, sitzt in einem italienischen Lokal in der Frankfurter Innenstadt und isst eine Pizza. Es selbst war einst Aktienhändler bei einer großen deutschen Bank - damals, in den goldenen Zeiten um die Jahrtausendwende. Doch seinen Job gibt es so heute nicht mehr. Aktien werden jetzt immer häufiger von Algorithmen gehandelt. W. kümmert sich mittlerweile um das Kapitalmarktgeschäft für die Firmenkunden einer kleinen Privatbank. Immer noch ein auskömmlicher Job - doch die goldenen Zeiten sind für Leute wie ihn vorbei. "Das wird nicht mehr so wie früher", sagt W.

Die Bankenbranche steckt in einer tiefen Depression. Die Finanzkrise und ihre Folgen haben nicht nur die wirtschaftlichen Grundlagen der einstigen Milliardengewinne zerstört. Auch das Ansehen des Berufsbilds hat in den vergangenen zehn Jahren enorm gelitten. Banker, das war einst ein angesehener Job, heute müssen sich viele Beschäftige vor allem Spott und Beschimpfungen anhören. Ihre Arbeitsplätze, ob in der Filiale um die Ecke oder in den Frankfurter Bankenzentralen, gelten als extrem gefährdet.

Das Einzige, was geblieben ist, ist die gute Bezahlung. Das gilt schon für die Tarifgehälter. In der Filiale einer privaten Bank kann ein Kundenberater schnell mehr als 4000 Euro pro Monat verdienen. Noch deutlicher aber wird es bei den vielen übertariflich bezahlten Angestellten in den Zentralen, beim Investmentbanking oder in der Vermögensverwaltung. Dort sind sechsstellige Jahresgehälter eher die Regel als die Ausnahme. Und bei einigen wenigen wird es sogar siebenstellig.

Wie passt es zusammen, dass es der Branche einerseits so schlecht geht, und andererseits noch immer so hohe Gehälter gezahlt werden?

Klaus Biermann sitzt in seinem Büro im noblen Frankfurter Westend - die Bankentürme sind nur ein paar Hundert Meter entfernt. Biermann ist Headhunter. Er trägt einen dunkelblauen Anzug und silberne Manschettenknöpfe. Sein Job ist es, geeignete Top-Mitarbeiter für die Banken zu finden.

Biermann hat miterlebt, wie sich das Image der Branche in den vergangenen Jahren verändert hat. "Die Finanzindustrie genießt nicht mehr den Status wie früher", sagt er. "Die Branche ist angezählt." Dennoch, sagt Biermann, seien die Gehälter im Schnitt "immer noch sehr, sehr gut. Dabei müssten sie eigentlich sinken. Für viele Banken sind die Kosten einfach zu hoch."

Die Bankenbranche ist nach der Finanzkrise vor zehn Jahren in einer Art Schockzustand erstarrt. Die Angst vor dem Personalabbau ist bei vielen Instituten allgegenwärtig. Insider berichten von schlechter Stimmung und demotivierten Angestellten. "Wo es kriselt, wird oft nicht mehr viel gearbeitet", sagt einer. "Die Leute verbringen ihre Zeit damit zu schauen, wo sie unterkommen."

Die Angst vor dem Jobverlust ist durchaus begründet. Die Finanzbranche ist der einzige Wirtschaftszweig in Deutschland, in dem die Beschäftigtenzahl trotz des allgemeinen Jobbooms seit Jahren stetig sinkt. Arbeiteten im Jahr 2000 noch gut 774.000 Menschen im deutschen Kreditgewerbe, waren es Ende 2016 gerade mal noch 609.000 - ein Minus von mehr als 20 Prozent.

Digitalisierung sorgt für Beben in der Bankbranche

Ein Treiber der Entwicklung ist die zunehmende Digitalisierung. Es werden schlicht nicht mehr so viele Menschen gebraucht wie früher. Ein weiterer Grund ist das Erbe der Finanzkrise: Viele Geschäfte rund um den Kapitalmarkt lohnen sich heute einfach nicht mehr.

Doch auch die hohen Gehälter spielen eine große Rolle. Die Personalkosten machen bei Banken einen der größten Kostenblöcke aus. Bei der Deutschen Bank etwa fressen sie jedes Jahr mehr als ein Drittel der Erträge auf. Bis 2015 lag die Gesamtvergütung für die rund 100.000 Mitarbeiter zuverlässig bei etwa 10 Milliarden Euro. Das sind im Schnitt mehr als 100.000 Euro pro Vollzeitstelle. Welche andere Branche bezahlt ihre Mitarbeiter so gut?

Auch die EU konnte daran wenig ändern, obwohl sie nach der Finanzkrise eine Richtlinie erließ, die die exzessiv hohen Bonuszahlungen stoppen sollte. Seit 2014 müssen diese variablen Gehaltsteile in einem bestimmten Verhältnis zum Fixgehalt stehen - in der Regel eins zu eins, mit Zustimmung der Aktionäre können die Boni auch doppelt so hoch ausfallen. Doch die Banken haben darauf reagiert - und zahlten einfach höhere Fixgehälter. Die Gehaltssummen blieben - nur ist jetzt ein größerer Teil fest garantiert. Das war wohl nicht im Sinne des Erfinders.

Besonders deutlich wurde diese Entwicklung erneut bei der Deutschen Bank, die trotz Milliardenverlusten weiterhin etwa gleich viel Geld für Gehälter ausgab. Erst Anfang vergangenen Jahres trat die neue Führung der Bank kurz die Bremse und strich einen Großteil der Bonuszahlungen für das Jahr 2016. Gerade wurde in der Bank über die Boni für das abgelaufene Jahr 2017 verhandelt. Und wie es aussieht, wird der deutliche Gehaltsknick aus dem Vorjahr für die meisten Deutschbanker wohl eine Ausnahme bleiben. Zu groß ist die Angst, wichtige Investmentbanker zu verlieren. "Die Stimmung war extrem mies nach der Boni-Sache im letzten Jahr", berichtet ein Mitarbeiter. "Das machen die nicht noch mal."

"Es werden immer noch Millionengehälter gezahlt"

Die ganz großen Boni-Exzesse mögen vorbei sein. Doch gerade im Investmentbanking müssen die Banken ihren Top-Mitarbeitern weiterhin sehr hohe Summen bieten, damit diese nicht zur Konkurrenz abwandern. "Für gute Investmentbanker werden immer noch Millionengehälter gezahlt", sagt Andreas Halin, der sich als Headhunter auf die oberen Etagen der Bankenhierarchie spezialisiert hat. "Der Kampf um gute Leute hat sich eher verschärft."

Weil sie die Gehälter kaum drücken können, versuchen die Banken ihre Kosten auf anderem Weg zu senken. Sie bauen noch mehr Stellen ab. Die Commerzbank will bis 2020 knapp 6000 Stellen streichen, die Deutsche Bank bis Ende 2018 insgesamt 9000.

Und selbst das dürfte nicht reichen. "Es werden in der Branche noch viel mehr Stellen wegfallen", meint Ingo Speich, Portfoliomanager bei der Fondsgesellschaft Union Investment. "Je stabiler die Gehälter sind, desto wahrscheinlicher wird ein weiterer Personalabbau."

Deutsche-Bank-Chef John Cryan deutete kürzlich in einem Interview mit der "Financial Times" an, in welche Richtung es langfristig gehen könnte: "Wir beschäftigen 97.000 Leute", sagte Cryan. "Die meisten großen Wettbewerber haben eher halb so viele."

Deutsche-Bank-Chef John Cryan

Das Einzige, was Cryan von einem solchen Kahlschlag abhält, dürften die Kosten sein. Die Deutsche Bank kann es sich schlicht nicht leisten, so viele Stellen auf einen Schlag zu streichen. "Wenn Cryan die überflüssigen Leute alle nach Hause schickt, braucht er neues Kapital", sagt ein Insider.

In der Tat ist es für die Banken sehr kostspielig, langjährige Mitarbeiter loszuwerden. In Deutschland, sagt Personalberater Biermann, seien die Arbeitsmarktgesetze nun einmal sehr unflexibel. Dabei gebe es gerade im Mittelbau der Banken viele Leute, von denen man sich eigentlich trennen müsste. "Warum muss jemand, der 300.000 Euro im Jahr verdient hat, auch noch drei Jahresgehälter Abfindung bekommen?", fragt Biermann.

So dürfte sich der Stellenbau bei den Banken weiter schleppend hinziehen. Stück für Stück. Eine Branche im Siechtum. Das Gehalt stimmt noch. Doch die Angst regiert - und der Spaß an der Arbeit ist bei vielen Bankern mittlerweile verlorengegangen.

Ein bisschen aufhellen könnte die Stimmung vielleicht der Brexit, der zumindest Frankfurt einige neue Bankerstellen bescheren soll. Ab dem zweiten Quartal dürfte es losgehen, glauben die Personalberater. Doch erstens dürfte sich die Zahl der neuen Jobs arg in Grenzen halten. Und zweitens werden auch dann wieder nur bestimmte Spezialisten gefragt sein, die sich derzeit ohnehin schon ihre Stellen aussuchen können.

Für alle anderen, wie den Banker W., wird sich wohl nicht viel ändern. "Der Brexit", sagt er in der Pizzeria, "ist auch nicht viel mehr als eine Hoffnung."

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