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27.02.2013
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Krisengrund
Dumm und Dümmer

Von Sarah Sommer

Londons Bankenviertel Canary Wharf: Unkultur in der Finanzindustrie kann Mitarbeiterverhalten lenken
DPA

Londons Bankenviertel Canary Wharf: Unkultur in der Finanzindustrie kann Mitarbeiterverhalten lenken

Zynische Kommentare von Mitarbeitern, Fehleinschätzungen und Betrug in der Finanzindustrie - alles untypische Einzelfälle, versichern Branchenvertreter. Stimmt nicht, sagen britische Forscher. Ihre These: Die Kultur in den vermeintlich wissensgetriebenen Konzernen verdumme Mitarbeiter.

Hamburg - Fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzmarktkrise zittern Ratingagenturen und Investmentbanken vor milliardenschweren Klagen von Aktionären und Regierungen. Die Ankläger wollen beweisen, dass Finanzdienstleister die systemischen Risiken, die von ihren Geschäften ausgingen, früh erkannten - und billigend in Kauf nahmen.

Interne E-Mails und Chat-Protokolle von Mitarbeitern sind dabei zur gefährlichsten Waffe der Ankläger avanciert: Mal dichteten Ratingexperten Lieder auf den anstehenden Untergang des Häusermarkts, während ihr Arbeitgeber noch Bestnoten für Hypothekenderivate vergab, und verschickten den Song dann auch noch als Video an ihre Kollegen.

Mal bezeichneten Investmentbanker ihre Kunden als ahnungslose Muppets, die man leicht abkassieren könne. "Lasst uns hoffen, dass wir alle wohlhabend und in Rente sind, wenn dieses Kartenhaus zusammenfällt", zitiert das US-Justizministerium einen Mitarbeiter der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) in der Anklageschrift.

Die internen Dokumente legen den Schluss nahe, dass Finanzdienstleister ihre Kunden im Vorfeld der Krise bewusst getäuscht, die Märkte manipuliert und Risiken heruntergespielt haben. Die Finanzhäuser verteidigen sich: Das seien aus dem Zusammenhang gerissene Einzelfälle, die auf keinen Fall der Unternehmenskultur entsprächen. "S&P glaubte, was es sagte", ließ der Anwalt der Ratingagentur die Öffentlichkeit wissen.

Forscher Spicer: Kultur "funktioneller Dummheit"

Die Professoren Andre Spicer (Cass Business School, Teil der City University London) und Mats Alvesson (Lund University) sehen das anders. Die Serie von Skandalen, mit denen der Finanzsektor 2012 von sich reden machte, könne vielmehr auf eine weitverbreitete Kultur "funktioneller Dummheit" zurückgeführt werden, erklären sie in einem aktuellen Bericht.

Wissensintensive Unternehmen wie Banken hätten eine Kultur entwickelt, die sich mit dem Leitsatz "Nicht denken, tun!" zusammenfassen lasse. "Viele Unternehmen - wie beispielsweise Banken und Dienstleistungsunternehmen - behaupten, wissensgetrieben zu sein", sagt Spicer. "Wenn wir jedoch genauer hinschauen, erkennen wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Viele dieser Firmen sind in Wirklichkeit nicht wissens-, sondern dummheitsintensiv."

Damit wolle er nicht sagen, dass in diesen Unternehmen nur Leute mit einem niedrigen IQ sitzen, betont Spicer. "Das ist für gewöhnlich ganz und gar nicht der Fall. Aber diese Organisationen fordern von ihren hochintelligenten Mitarbeitern, ihre intellektuellen Kapazitäten nicht voll auszuschöpfen. Stattdessen sollen sie nicht zu sehr über Dinge nachdenken und einfach ihren Job tun."

In Wachstumsphasen sorge diese Kultur dafür, dass sich die Mitarbeiter untereinander besser verstehen und dass die Arbeit effizient und ohne Hinterfragen erledigt wird. Unheilvoll werde die Gruppendynamik erst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn etwas schiefläuft.

Konnten die Mitarbeiter in Ratingagenturen und Investmentbanken also gar nicht anders, als die Risiken ihrer Geschäfte zu ignorieren, obwohl sie diese durchaus erkannten? Ganz so einfach ist es nicht, sagt Jens Hoffmann, forensischer Psychologe an der Technischen Universität Darmstadt. "Natürlich spielt für das Fehlverhalten von Mitarbeitern auch die Unternehmenskultur eine Rolle." Spicer und Alvesson übersähen allerdings, dass auch die Persönlichkeitsstruktur der einzelnen Mitarbeiter eine große Rolle spiele.

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