Samstag, 1. Oktober 2016

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Währungskrise "Dann steigen die Deutschen aus dem Euro aus"

Comeback der D-Mark: "Der Euro muss die Währung bleiben, die den Bundesbürgern versprochen wurde - stabiles Geld"

Hält die Währungsunion zusammen? Ja - wenn sie die Bundesbürger nicht überfordert, meint Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, im Interview mit manager magazin Online. Ein Gespräch über die Prinzipien der Deutschen und die Schulden der anderen.

mm: Herr Mayer, die Euro-Krise hat sich zwar durch den EU-Gipfel vorige Woche erstmal entspannt, aber die Schuldenproblematik bleibt bestehen. In dieser Situation kämpfen die Bundesbank und ihr neuer Präsident Jens Weidmann um ihre Glaubwürdigkeit; im aktuellen Heft beschäftigen wir uns damit in einem ausführlichen Report. Ist das angesichts der komplexen Lage in Europa ein verlorener Kampf?

Thomas Mayer: Auf jeden Fall ist es ein lohnender Kampf. Weidmann stellt sich ziemlich geschickt an. Er ist ja in keiner einfachen Lage: Einerseits muss er sich solidarisch in den Rat der Europäischen Zentralbank einreihen; seinen neuen Kollegen dort darf er nicht in den Rücken fallen. Andererseits darf er auch die Solidarität der Deutschen nicht überfordern. Das ist ein Spagat, den er bisher gut hinbekommen hat.

mm: Der Gipfel vorige Woche hat nach Ansicht vieler Beobachter den Einstieg in die Transferunion beschlossen. Das wollte die Bundesbank in dieser Form nie.

Mayer: Das ist wahr. Aber zugleich werden die Euro-Notenbanken durch die Brüsseler Beschlüsse ein stückweit aus der Schusslinie genommen. Zum Beispiel muss die EZB in künftigen Krisensituationen nicht mehr Staatsanleihen vom Markt kaufen, das soll nun der Rettungsfonds EFSF übernehmen. Das geht in die Richtung der Bundesbank-Forderung nach einer Trennung zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik. Immerhin.

mm: Der "Spagat", von dem Sie eben sprachen. hat ja viel mit der wachsenden Euro-Müdigkeit der Bundesbürger zu tun. 80 Prozent der Deutschen halten die Stabilität des Euro für gefährdet, wie Umfragen zeigen. Wie sollte der Chef der Bundesbank unter diesen Bedingungen agieren?

Mayer: Weidmann muss eine Brücke bauen zwischen den Deutschen und dem Euro. Er muss daran arbeiten, dass der Euro die Währung bleibt, als die er den Bundesbürgern versprochen worden ist: als stabiles Geld, wobei jedes Mitgliedsland prinzipiell für seine eigenen Finanzen verantwortlich bleibt.

mm: Und diese Grundvoraussetzung sehen Sie gefährdet?

Mayer: Der Gipfel hat ja eine deutliche Fortentwicklung der Währungsunion beschlossen, hin zu einem Europäischen Währungsfonds, wie Präsident Sarkozy sagte. Diese Idee ist mir prinzipiell nicht unsympathisch, Ähnliches hatte ich schon vor über einem Jahr vorgeschlagen. Das beruhigt zwar erstmal die Märkte. Aber es schafft neue, grundsätzlichere Probleme. Falls der Eindruck entsteht, die Bundesrepublik müsse für alle anderen mitzahlen, ob über Eurobonds, den EFSF oder direkt, dann wird es eng. Dann besteht die realistische Gefahr, dass sich die Deutschen vom Euro abwenden und aus der Währungsunion aussteigen wollen.

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