Samstag, 26. Mai 2018

VW-Betriebsrat als Sieger bei 23.000-Stellen-Abbauplan VWs "Zukunftspakt" reicht nicht

VW-Markenchef Herbert Diess: "VW muss schnell wieder Geld verdienen"

Der "Zukunftspakt" zwischen VW-Führung und Betriebsrat ist unterschrieben. 30.000 Stellen fallen weltweit weg, 23.000 davon in Deutschland. Dafür soll das Wolfsburger Stammwerk zur Zentrale für Digitalisierung und Elektromobilität werden. Richtig weh tut der Plan niemanden - deshalb ist fraglich, ob er ausreichen wird.

Eine simple Geste stand am Anfang jener Konferenz, bei der die Volkswagen-Führungsriege das nach eigenen Worten "größte Umbauprogramm in der Geschichte des Unternehmens" verkündete. Mit ernsten, etwas abgekämpften Gesichtern betraten Konzernchef Matthias Müller, VW-Markenchef Herbert Diess und Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh die Bühne im Werksforum des Wolfsburger Stammwerks. Ihre erste Handlung war: Gegenseitiges Händeschütteln im Blitzlichtgewitter. Da lächelte auch Osterloh kurz, der sich laut Personalvorstand Karlheinz Blessing als harter Verhandlungsführer "mit gelegentlichen vulkanischen Ausbrüchen" erwiesen hatte.

Bis in die späten Abendstunden haben Betriebsrat und die Unternehmensführung um die Einigung auf den "Zukunftspakt" gerungen, der nun unterschrieben ist. Für Diess ist er die wichtigste Grundlage, um die Marke Volkswagen umzubauen und sie "fit für die Herausforderungen der Zukunft" zu machen, wie er es ausdrückte.

Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen

Doch ob der Plan ausreicht, muss sich noch zeigen. Denn trotz aller Beschwörungsformeln über einschneidende Veränderungen und neue Zeiten: Der Plan ist weit davon entfernt, radikal zu sein. Der" Zukunftspakt", wie ihn Volkswagen nennt, könnte sich für die Konzernführung als faustischer Pakt erweisen.

In den Details tut er keiner Seite allzu weh: Nicht dem Betriebsrat, nicht dem Land Niedersachsen, nicht der Konzernführung. Das Problem dabei: Sollte seine Kostensenkungseffekte nicht ausreichen, hat die Konzernführung kaum mehr Spielraum. Denn sie hat ihrer deutschen Belegschaft eine gefährlich lange Zusage gemacht.

VW soll ab 2020 jährlich 3,7 Milliarden Euro einsparen

Zunächst klingen die Einschnitte durchaus hart: So wird der Konzern weltweit 30.000 Stellen abbauen. Betriebsbedingte Kündigungen wird es dabei aber nicht geben. Der Stellenabbau soll "sozialverträglich" erfolgen, wie Manager und Betriebsrat mehrfach betonten.

Ein Großteil der Arbeitsplätze fällt dabei in Deutschland weg: 23.000 Stellen sollen in den kommenden Jahren im Heimatland des Volkswagen-Konzerns wegfallen - und zwar nur bei der Marke Volkswagen. 9000 neue Stellen sollen entstehen, netto beträgt der Arbeitsplatzverlust also 14.000 Stellen Das sind knapp 12 Prozent der aktuell 120.000 Arbeitsplätze der Marke VW in Deutschland.

Sparen durch Altersteilzeit - und auf Kosten der Leiharbeiter

Eingespart werden diese Arbeitsplätze über die natürliche Fluktuation, durch Altersteilzeit-Regelungen - aber auch durch eine Reduktion der Leiharbeit. "Das tut mir für die Betroffenen sehr leid, aber die Situation der Marke [Volkswagen] lässt uns wenig Handlungsspielraum", erklärte Diess zu letzterem. Weltweit arbeiten 624.000 Menschen für den Konzern. Die restlichen 7000 Stellen, die im Rahmen des Zukunftspakts bei der Marke VW wegfallen, werden überwiegend in Brasilien und Argentinien gestrichen.

Die Begründung von Diess war nicht originell, aber zutreffend: Der Branche stehe ein heftiger Wandel bevor durch die Digitalisierung und Elektroautos. Zudem seien bei der Marke VW in den vergangenen Jahren die Fixkosten gestiegen, die Rendite liege aber weit hinter den Konkurrenten. "VW muss schnell wieder Geld verdienen, um sich für den kommenden Sturm fit zu machen", erklärte Diess.

Ohne den Konzern mit seinen übrigen 11 Marken hätte VW allein bei weitem nicht genügend Kapital, um diesen Wandel zu schaffen. Die jetzt erzielte Vereinbarung, versprach Diess, werde VW wieder profitabel machen. Ab 2020 soll die Kernmarke so ihre Kosten dauerhaft um 3,7 Milliarden Euro drücken. Ganze 3 Milliarden tragen dazu die deutschen Standorte bei.

Eine enorme Steigerung der Rentabilität ergibt sich daraus aber noch immer nicht. Denn das Ziel der VW-Führungsriege ist es, die Ebit-Marge ihrer Kernmarke von zuletzt 1,7 Prozent im ersten Halbjahr in den kommenden vier Jahren auf moderate 4 Prozent hochzufahren. Zum Vergleich: Ford of Europe kam von Januar bis Juni auf eine Gewinnmarge von 6 Prozent, Peugeot und Citroënzusammen auf 6,8 Prozent, Hyundai lag bei 6,7 Prozent, Renault bei 4,7 Prozent.

Doch der Betriebsrat hätte dem sozialverträglichen Stellenabbau wohl kaum zugestimmt, wenn die VW-Führung nicht kräftige Zugeständnisse gemacht hätte.

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