Montag, 26. Juni 2017

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Experte attackiert VWs neues Boni-System - Konfliktstoff vor der Hauptversammlung "Es wird den Vorständen zu leicht gemacht"

Gegenantrag vom Vergütungs-Experten: Auf der Hauptversammlung am 10. Mai wird der Vorstand der Volkswagen AG (im Bild) weniger zu lachen haben

2. Teil: Warum Strenger Vorstand und Aufsichtsrat nicht entlasten will

In zwei weiteren Gegenanträgen fordert Strenger noch, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung für das Geschäftsjahr 2016 zu verweigern. Obwohl der Konzern in den USA die rechtswidrige Manipulation von Dieselmotoren öffentlich zugegeben habe, "bestreitet die Verwaltung ihre Verantwortung hier für immer noch mit Unwissen". Dabei stelle sich durch die Ermittlungen jedoch zunehmend heraus, dass die jahrelange Manipulation dem Vorstand kaum verborgen geblieben sein könne.

Strengers Vorwurf: Der Vorstand habe bei der Ausübung seiner gesetzlichen Organisations- und Aufsichtspflicht versagt. Zudem seien die Rückstellungen für die Bewältigung des Dieselskandals zu niedrig angesetzt.

Auch das oberste Kontrollorgan des Autokonzerns greift Strenger mit deutlichen Worten an. Die VW-Aufsichtsratsmitglieder hätten auch im vergangenen Jahr nicht ihre Pflicht erfüllt, die Dieselaffäre umfassend und transparent aufzuklären. Trotz der fehlenden Aufklärung winkte der Aufsichtsrat Boni durch und billigte den 16 Millionen Euro teuren Abschied von Christine Hohmann-Dennhardt, der früheren Vorständin für Integrität und Recht.

Strenger vermisst bei VW auch etwas ganz Essentielles: Unternehmenskontrolleure, die wirklich unabhängig agieren können. "Im Sinne des Unternehmens wäre es dringend notwendig, mindestens vier unabhängige Aufsichtsräte zu berufen. So verlangt es schließlich auch der Corporate-Governance-Kodex", sagt Strenger. "Bei Volkswagen ist leider kein einziger Vertreter der Kapitalseite wirklich unabhängig."

"Nicht nur Familienmitglieder auswählen"

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch attestiert Strenger einen auf absehbare Zeit dauerhaften Interessenkonflikt. Er sei bei Ausbruch des Dieselskandals noch VW-Vorstandsmitglied gewesen, nun müsste er als oberster Kontrolleur eigentlich Ansprüche gegen sich selbst verfolgen - was nicht geschehe. "Auch die Porsche-Familie täte gut daran, Herrn Pötsch als Aufsichtsratschef zwei unabhängige Fachleute an die Seite zu setzen - und nicht nur Familienmitglieder auszuwählen," meint Strenger im Gespräch mit manager-magazin.de.

In seinem Gegenantrag fordert er Pötsch indirekt auf, sein Amt ruhen zu lassen, bis diese Fragen geklärt sind. Doch auch das wird kaum geschehen, schließlich ist Pötsch der Kandidat der VW-Hauptanteilseigner, also der Familien Porsche und Piëch.

Mit VW liegt Strenger schon länger im Clinch: Auf der letzten Hauptversammlung scheiterte er mit einer Klage auf eine Sonderprüfung, im August vergangenen Jahres verklagte er das VW-Management, um die auf der Hauptversammlung 2016 erteilte Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat anzufechten.

Newsletter von Wilfried Eckl-Dorna

Doch die harten Bandagen von Strenger sind weit mehr als eine private Fehde. Strenger benennt glasklar die erheblichen Unternehmungsführungs-Defizite bei dem derzeit größten Autohersteller der Welt. Anders als mancher renitente VW-Kleinaktionär tut er dies, ohne Vorwürfe zu konstruieren, maßlos zu übertreiben, auf Nebensächlichkeiten herumzuhacken oder Vorstände verbal zu beleidigen. Das macht seine Vorwürfe glaubwürdiger - und die Antworten für die Volkswagen-Vorstände mühsamer.

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