Freitag, 16. November 2018

VW-Mitarbeiter angeklagt Warum Manager Grenzen überschreiten

Volkswagen: Sieben Anklagen gegen Manager und Angestellt liegen vor. Nun wurden die Ermittlungen deutlich ausgeweitet

Die Frage, wie und warum gestandene Führungskräfte vom rechten Pfad abkommen, ist häufig vergleichsweise leicht zu beantworten. Ein schicker Luxusurlaub als Dankeschön für die Bevorzugung bei der Auftragsvergabe, ein üppiges Handgeld für das Mitmachen bei Preisabsprachen: Man muss kein Psychologe sein, um in derart offenkundigen Vorteilsnahmen und persönlichen Bereicherungen ein Motiv zu sehen.

Markus Pohlmann
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    Universität Heidelberg
    Markus Pohlmann ist Professor an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Analyse von Management und Arbeitsorganisation in Industrieunternehmen. Aktuelle Texte zu diesen und anderen Themen veröffentlicht er auf seinem Blog Corporate Crime Stories.

Doch was ist, wenn Gier als Motivation wegfällt und die Vorteilsnahme des Täters sich im Rahmen dessen bewegt, was legitim und legal ist: der Zugewinn an Anerkennung und Reputation beispielsweise? Und was, wenn die illegalen Mittel dem Unternehmen mehr nutzen als demjenigen, der zu ihnen greift? Denn das ist die Konstellation, mit der wir es im Falle von Unternehmenskriminalität sehr oft zu tun haben. Wie kommt es, dass zuvor meist unbescholtene, loyale und engagierte Manager plötzlich rechtswidrig handeln?

Die Abgasaffäre bei Volkswagen ist ein gutes Beispiel, die dahinter liegenden Mechanismen zu erläutern - ohne dass wir derzeit im Einzelfall wissen, ob und inwieweit die Anklagen zutreffen. Mehr als 21 Milliarden US-Dollar muss der Wolfsburger Autobauer in den USA an Strafen und Wiedergutmachungen zahlen, weil Abgaswerte von Dieselfahrzeugen mithilfe einer Software manipuliert wurden. Einzelne Führungskräfte und Mitarbeiter sind ins Visier der US-Strafverfolgungsbehörden geraten. Sieben Anklagen gegen Manager und Angestellte von Volkswagen liegen vor, einer hat bereits ein Schuldanerkenntnis abgelegt.

Keinem der Angeklagten wird irgendeine Form von persönlicherer Bereicherung vorgeworfen. Wie also konnte es dazu kommen, dass sie trotzdem - falls die Anklage zutrifft - die Manipulationen in Auftrag gaben, sie deckten und mehrfach gegenüber den amerikanischen Behörden logen?

Engagiert, loyal, kriminell

Ein Befund unserer Forschung dazu ist, dass Anerkennung, Loyalität und die Zugehörigkeit zu einem inneren Kreis der Verschworenen die Belohnung für den Gebrauch illegaler Mittel sind. Das ist für die meisten Führungskräfte und Angestellten zentral. Wer seinem Unternehmen distanziert gegenüber steht, geht ein solches Risiko gar nicht erst ein. Wir haben es also mit einer Form von Kriminalität zu tun, welche besonders engagierte und loyale Mitarbeiter verüben. Fast ausschließlich handelt es sich dabei übrigens, wie auch bei Volkswagen, um Männer.

Auch die Handlungsfolgen liefern einen wichtigen Beitrag zur soziologischen Erklärung. Denn anders als bei anderen Straftaten bleiben sie in solchen Fällen abstrakt, der Bezug zu ihnen und den Opfern ist distanziert. Beispiel Volkswagen: Die höhere Krebswahrscheinlichkeit durch die Umgehung der Abgasvorschriften erscheint zwar als mögliche Handlungsfolge, aber in ihrem möglichen Eintritt als hinreichend fernliegend. In Experimenten kam man zeigen, dass Menschen in einem Szenario mit indirekten Handlungsfolgen anders entscheiden, als wenn sie einer Person direkt ein Leid zufügen.

Angenommen, wir müssten entscheiden, ob wir als Weichensteller einen Zug mit der Konsequenz weiterfahren lassen, dass fünf Bauarbeiter ums Leben kämen oder ob wir die Weiche anders stellen - mit der Folge, dass nur ein Bauarbeiter stirbt. Die meisten von uns entscheiden sich in dieser Situation für das "kleinere Übel" - und würden die Weiche umstellen. Ganz anders fällt die Entscheidung aus, wenn wir im gleichen Experiment einen Mann auf die Gleise stoßen müssten, um den Zug zu stoppen und die fünf Bauarbeiter zu retten. Dazu wären die wenigsten bereit -obwohl das Ergebnis das gleiche ist.

Je abstrakter, fernliegender und indirekter die Handlungsfolgen sind und je weniger die Opfer dabei in den Blick oder physisch nahe geraten, desto eher neigen wir dazu, auch drastische Handlungsfolgen als weniger bedeutsam einzuschätzen oder sie gar zu übersehen. Und genau das ist typisch für viele Fälle von Unternehmens- und Umweltkriminalität.

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