Donnerstag, 13. Dezember 2018

VW plant Elektro-Günstigmodell ab 2020 Was an Diess' Kampfpreis-Ansage für Tesla dran ist

Die Elektroautostudie I.D. ist die Basis für den Golf-ähnlichen Stromer "Neo", den VW ab 2020 verkauft

Er mahnte mehr Sachlichkeit in der Diesel-Debatte an und erläuterte detailliert die potenziellen Tücken von Hardware-Nachrüstungen: Über weite Strecken verlief der Auftritt von Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess eher erwartbar, als er sich Donnerstagabend als Gast in die ZDF-Sendung "Maybrit Illner" begab.

Doch mit einer Aussage zur Bepreisung künftiger VW-Elektroautos ließ Diess aufhorchen: "Wir werden 2020 kommen mit Fahrzeugen, die alles können wie Tesla und um die Hälfte billiger sind", erklärte er im Verlauf der Sendung. Diess meinte damit das erste Modell, das auf Basis des neu entwickelten VW-Elektroauto-Baukastens entsteht: Den Golf-ähnlichen Stromer mit dem Arbeitsnamen "Neo", der in zwei Jahren auf den Markt kommen soll. Er soll das erste Modell einer ganzen Elektroauto-Familie werden, der VW vorerst den Markennamen ID. verpasst hat.


Dazu bei manager magazin premium: Wie Herbert Diess VWs Zukunft plant


Teslas günstiges Modell, das Model 3, soll in Basisversion 35.000 Dollar vor Förderungen kosten - so haben es die Kalifornier vor gut zwei Jahren angekündigt. Allerdings lässt sich ein solches "Standard"-Model 3 weiterhin nicht bestellen, da Tesla aus Margengründen zuerst reichweitenstärkere und damit teurere Modelle produziert. Das Basismodell werde sicherlich gebaut, hat Tesla-Chef Elon Musk mehrfach versichert. Doch bisher hat Musk nicht verraten, ab wann Kunden es ordern können oder wann es ausgeliefert wird.

Seit kurzem lässt sich in den USA immerhin die "Mid-Range"-Version des Model 3 bestellen, die ab 46.000 Dollar Basispreis vor staatlichen Prämien verkauft wird. Diese Model 3-Version bietet eine Reichweite von rund 420 Kilometern. Für fast alle Versionen seiner größeren Modelle S und X ruft Tesla in Deutschland einen etwas höheren Preis in Euro als in Dollar ab. Das Model 3 mit mittlerer Reichweite dürfte in Deutschland also gut 50.000 Euro kosten.

Für unseren Faktencheck nehmen wir deshalb das aktuell günstigste, bestellbare Model 3 als Maßstab. Kann VW in zwei Jahren also ein Elektroauto anbieten, das nur 25.000 Euro kostet und ähnliche Leistungsdaten bietet wie Teslas Massenmarkt-Modell? Noch gab es den "Neo" genannten VW-Kompaktstromer auf Basis des Elektroauto-Baukastens MEB nur als Studie zu sehen. Fest steht aber, dass VW weltweit 16 Werke für den Bau neuer Elektroauto-Modelle umrüstet und dafür sechs Milliarden Euro in die Hand nimmt. In Zwickau sollen ab 2019 die ersten neuen "Neo"-Modelle vom Band rollen, über den endgültigen Namen für den Kompaktstromer hat VW noch nicht entschieden.

Model 3 ist ein wenig stärker ausgelegt als VWs Basis-"Neo"

Durchgesickert sind aber immerhin schon ein paar Eckdaten: Mehreren Berichten zufolge will VW für die Neo-Basisversion unter 25.000 Euro verlangen. Damit würden die Wolfsburger eine Punktlandung hinlegen: Bereits 2016 hieß es bei VW-Topmanagern, dass die neue Generation ihrer Elektroautos im Jahr 2020 nicht mehr kosten sollten als ein VW-Verbrennerauto derselben Klasse.

Der Akku der "Neo"-Einstiegsvariante soll für rund 330 Kilometer nach WLTP-Zyklus ausgelegt sein, hieß es vor kurzem. Mit größeren Akkupacks sind - gegen Aufpreis - auch 450 oder 550 Kilometer Reichweite je Batterieladung möglich. Die Höchstgeschwindigkeit soll Berichten zufolge aber aus Energieverbrauchs-Gründen beschränkt werden, voraussichtlich bei 160 km/h. Für den Sprint auf 100 km/h sollen die Neo-Basisversionen unter acht Sekunden benötigen.

Teslas "Mid-Range"-Modell ist da allerdings ein bisschen stärker ausgelegt: Von null auf 100 spurtet das Model 3 in unter 6 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit geben die Kalifornier mit 200 km/h an. Diese Geschwindigkeits- und Beschleunigungswerte sollen auch für die Standard, also Basisversion des Model 3 gelten, die Tesla nach wie vor nicht baut. Deren Reichweite gab Tesla mehrfach mit rund 350 Kilometern an - also einen Hauch über den von VW geplanten Werten.

Schon 2020 will VW 150.000 neue Elektroautos verkaufen

Etwas reichweitenärmer und geringfügig lahmer wird die Basisversion des Neo also im Vergleich zu Teslas Model 3 ausfallen - sie dürfte aber tatsächlich um mindestens 10.000 Euro weniger kosten als die Einstiegsvariante der Kalifornier. VWs künftige Elektroautos dürften punkto Reichweite und Leistungsdaten tatsächlich in der Tesla-Liga mitspielen, bei merklich günstigeren Preisen. Die gleiche Leistung fürs halbe Geld - diese Aussage von Diess stimmt zwar nicht ganz, aber die Wolfsburger kommen wohl in die Nähe.

Allerdings zählen auch die Wolfsburger darauf, dass ihre Kunden nicht unbedingt zum Basismodell greifen und sich zu aufpreispflichtigen, margenträchtigen Extras bewegen lassen. So soll im Neo-Konzept Platz für ein besonders aufwändiges Head-Up-Display vorgesehen sein, das Informationen in einem Großteil der Windschutzscheibe anzeigen kann. Vernetzung und zahlreiche Dienste ums Laden und Parken will VW für seine ID.-Familie ebenfalls anbieten - und dafür Geld verlangen.

Ähnlich wie Tesla mit dem Model 3 setzt auch VW bei seiner ID.-Elektroautofamilie auf Masse. Bereits im ersten Verkaufsjahr, also 2020, wollen die Wolfsburger weltweit 150.000 Elektroautos absetzen, Bis zum Frühjahr 2022 sollen alleine im Werk Zwickau täglich 1500 Stromer pro Tag gefertigt werden. Bis Ende 2022 will der Konzern weltweit 27 Modelle auf Basis des MEB-Baukastens für vier Konzernmarken produzieren.

Tesla produzierte zuletzt wöchentlich rund 5000 Stück seines Model 3 in Kalifornien und plant ein weiteres Werk in Shanghai. In zwei Jahren dürfte Tesla also auf mehr als 10.000 produzierte Model 3 pro Woche kommen - und wohl auch die Basisversion seines Model 3 anbieten. Der Kampf um den Elektroauto-Massenmarkt, er wird in zwei Jahren also so richtig losgehen.

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