Samstag, 21. Oktober 2017

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Autoindustrie nach der Bundestagswahl "Wer wartet, verliert!"

Ralf Kalmbach (l.) und Klaus Stricker sind Co-Chefs der Automobilsparte bei Bain & Company
Bain & Company
Ralf Kalmbach (l.) und Klaus Stricker sind Co-Chefs der Automobilsparte bei Bain & Company

Die Beratungsgesellschaft Bain erwartet politisch und wirtschaftlich härtere Zeiten für die Automobilindustrie - und mahnt, sich deutlich schneller und gezielter auf die Mobilitätswelt der Zukunft vorzubereiten.

mm.de: Herr Stricker, Herr Kalmbach, gewaltige Verluste für CDU, CSU und SPD; die eher autoaffine Große Koalition steht vor dem Ende. Was bedeutet das für die deutsche Automobilindustrie?

Kalmbach: Die letzte Regierungskoalition von Angela Merkel ist mit der Autoindustrie eher fürsorglich umgegangen, auch um vor der Wahl die vielen Beschäftigten in der Automobilbranche nicht zu verschrecken. Die Ergebnisse der Diesel-Gipfel und auch die steuerliche Abzugsfähigkeit der Software-Nachrüstungen zeigen dies deutlich. Mit den neuen Mehrheitsverhältnissen dürfte der Kurs in Sachen Feinstaub und Stickoxide härter werden, mit höheren finanziellen Belastungen für die Automobilunternehmen.

mm.de: Die FDP und die Grünen als mögliche neue Koalitionspartner von Kanzlerin Angela Merkel haben im Wahlkampf härtere Töne gegenüber den Autoherstellern angeschlagen. Die Grünen haben sogar das Ende des Verbrennungsmotors für 2030 ins Programm aufgenommen.

Stricker: Alle Parteien der möglichen Koalition haben den Stellenwert der Automobilindustrie für Deutschland verstanden. Wir erwarten kein Verbot des Verbrenners bis 2030, auch weil das wirtschaftspolitisch nicht sinnvoll wäre.

mm.de: Nicht nur die Politiker fordern Veränderungen. Ihre Studie zum automobilen Endspiel wirkt wie ein einziger Aufruf an die Branche: "Tut endlich was!"

Stricker: Unser Aufruf lautet eher: "Tut endlich das Richtige!"

mm.de: Erklären Sie es uns bitte! Was ist das Richtige?

Stricker: Die Autohersteller, und gleiches gilt für die Zulieferer, müssen zunächst einmal genau überlegen, wo sie wirklich hinwollen. Wie sieht die Mobilitätslandschaft 2030 aus? Welche Rolle wollen sie in dieser neuen Autowelt spielen? Dann müssen sie investieren, Pilotprojekte starten, die richtigen Technologien entwickeln.

mm.de: Aber genau das haben wir doch gerade auf der Automesse IAA in Frankfurt gesehen. Da standen nicht nur die Fahrzeuge für die Zukunft, fast komplett batteriegetrieben. Da wurden auch etliche neue Investments und Partnerschaften angekündigt. Ist das Beteiligungsroulette? Ich platziere eine ordentliche Anzahl Chips, wette auf diverse Technologien und Geschäftsmodelle; und am Ende sind schon ein paar Gewinner dabei?

Stricker: Pilotprojekte sind wichtig. Wer nicht mitspielt und lernt, wird nicht die richtigen strategischen Entscheidungen treffen können. Aber fast allen Unternehmen mangelt es an strukturierten Überlegungen: Wohin führt die aktuelle Hyperaktivität? Welche Investitionen muss ich wirklich verstärken? Wo muss ich vielleicht schon wieder die Bremse ziehen? Auch das gehört zu einer vernünftigen Zukunftsplanung.

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