Montag, 20. August 2018

Morgan Stanley macht Übernahmeangebot Die russische Giftpille des VTG-Chefs

VTG-Chef Heiko Fischer hält das Angebot von Morgan Stanley Infrastructure für zu niedrig

Vordergründig geht es bei dem Kampf um den Waggonvermieter VTG um die übliche Argumentation: Ist der Preis hoch genug, den die Kaufinteressenten bieten? Vorstandschef Heiko Fischer, mit 29 Jahren als Assistent des Chefs in das Unternehmen eingestiegen, hat sich am Montagabend nach einigen Stunden Bedenkzeit erstaunlich klar festgelegt: nein, zu niedrig. "Der angekündigte Angebotspreis reflektiert nicht das Potential der Gesellschaft", erklärte er.

Tatsächlich aber spielt in diesem Fall die Weltpolitik eine gehörige Rolle. Denn ein viel stärkeres Argument als der Preis verbirgt sich in den Zwischenzeilen des Kaufangebots von Morgan Stanley - und hier fühlt sich der selbstgewisse Fischer offensichtlich besonders sicher.

Die US-Amerikaner machen zur Bedingung ihres Angebots der Mehrheitsübernahme, dass VTG keine Geschäfte mit Personen betreibt, die auf der Sanktionsliste (OFAC) der US-Regierung stehen. Denn an solchen Firmen will Morgan Stanley lieber nicht die Mehrheit halten, um seinerseits keinen Ärger mit der US-Regierung zu riskieren.

Genau solche Geschäfte ist Fischer aber schon vor längerer Zeit eingegangen: eine Kooperation beispielsweise über die Tochter VTG Rail Russia mit der russischen Firma Sibur, dessen Gesellschafter auf eben dieser OFAC-Liste steht.

Eine preiswertere Giftpille, um seinen größten Aktionär vor der Komplettübernahme abzuschrecken, ist kaum vorstellbar. Für Fischer und die Zukunft von VTG ist jetzt entscheidend, wieviel Druck ihm der Aufsichtsrat und der Rest seiner Aktionäre machen: Finden sie das Angebot von Morgan Stanley attraktiver als die Aussichten, die Fischer in das Joint-Venture in Russland zaubern kann, wird er Letzteres wohl beenden müssen. Im gegenteiligen Fall wird Morgan Stanley erst einmal bei der Beteiligung von 49 Prozent steckenbleiben.

Und für die Vorstandschefs dieser Welt, die eine Übernahme verhindern und selbst kein Geschäft mit den USA anstreben wollen, gäbe es ein interessantes Lehrstück, wie sie sich für wenig Geld eine Giftpille besorgen können: einfach mal auf der OFAC-Liste nach einem Geschäftspartner Ausschau halten.

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