Freitag, 30. September 2016

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Was Matthias Müller falsch macht Volkswagen verpatzt den Kulturwandel

Mit einem technisch-funktionalen Kulturverständnis, wie es der neue Vorstandschef Mathias Müller an den Tag legt, wird Volkswagen den nötigen Kulturwandel nicht schaffen

Der rennsportbegeisterte und technikverliebte Matthias Müller als sympathischer Porschefahrer war für den VW-Chefposten die falsche Wahl. Denn bei Volkswagen geht es um wesentlich mehr als um ein technisches Problem mit einem kleinen Computerprogramm. Das Unternehmen muss endlich die Konsequenzen ziehen.

Die Aussagen von VW-Chef Matthias Müller in den USA waren verräterisch. Im Kern lautete seine Botschaft: Eigentlich haben wir nicht geschummelt und natürlich auch nicht gelogen. Wir haben das getan, was von uns verlangt wurde. Wir haben die sehr extremen Grenzwerte erfüllt - allerdings auf eine Art und Weise, die überraschenderweise nicht zulässig ist. Dass es plötzlich nicht nur darum geht, auf dem Prüfstand gut zu sein, sondern dass unsere Autos auch in der Natur sauber sein sollen, das ist offenbar eine erstaunliche neue Information.

Natürlich war es ein verunglücktes Interview als Teil einer insgesamt verunglückten USA-Reise. Aber jetzt alles nur auf einen fatalen "Versprecher" zu schieben - so wie ein kurzer Satz von Rolf Breuer zum Kirch-Imperium die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen knapp eine Milliarde Euro gekostet hat -, greift zu kurz.

Im Gegenteil: Gerade unter Stress kommt das wahre Ich zum Ausdruck. Denn augenscheinlich ging und geht es für VW bei der ganzen Angelegenheit nicht um die Umwelt, sondern um Umweltnormen: Und zwischen diesen beiden Wörtern liegt ein gewaltiger Unterschied.

Dieser Unterschied erklärt auch, warum Matthias Müller und offenbar fast alle um ihn herum, dieses #dieselgate als ein technisches Problem ansehen, für das sie primär eine technische Lösung brauchen, um die ärgerlich hohen Strafen zu vermeiden.

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Professor für Betriebs-wirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. Sein zentraler Tätigkeitsbereich ist die Erforschung der Arbeitswelt - von Personalmanagement bis Unternehmens-strategie. 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch "Generation Z". Sein jüngstes Buch "Schizo-Wirtschaft" ist im Campus-Verlag erschienen.
Deshalb war auch so ziemlich alles ziemlich unglücklich, was VW und damit überwiegend Matthias Müller unternahm, nachdem die Krise das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatte.

Eine unendlich traurige Geschichte von Fehlern

Insgesamt haben somit lediglich einige wenige Personen aus dem unteren Management einige dumme Kommandozeilen in ein Computerprogramm gesetzt, das (dummerweise und völlig unbemerkt) elf Millionen Fahrzeuge betrifft.

Mit dieser Darstellung hat der VW-Konzern einmal mehr unabsichtlich demonstriert, welche Unternehmenskultur er hat. Zwar wurde viel über den Führungsstil von Martin Winterkorn und die "Angstkultur" im mittleren Management gesprochen und geschrieben. Bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen selbst stand das Thema "Unternehmenskultur" aber nie ganz oben auf der Agenda.

Genau da wird es aber gleichermaßen schwierig wie interessant: Wenn man zurückgeht auf das, was Edgar Schein am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und viele andere Kulturforscher unter "Unternehmenskultur" verstehen, so liegt das einen Quantensprung über dem populär-umgangssprachlich-trivialisierenden Verständnis von Unternehmenskultur vieler deutscher Manager - nicht nur bei VW. Da gibt es Vorstandsvorsitzende, die Montagsmorgens per E-Mail eine neue Führungskultur verordnen, während andere angesichts von Milliarden (auch kulturbedingter) Verluste erklären, mit Unternehmenskultur ab jetzt überhaupt nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Unternehmenskultur ist das implizite Bewusstsein eines Unternehmens, das weitreichend das Verhalten der Mitarbeiter prägt und das umgekehrt auch durch das Verhalten der Mitarbeiter geprägt wird. Es geht also in beide Richtungen. Und wenn Werte wie Umwelt oder Nachhaltigkeit nicht in der Kultur verankert sind, dann werden sie nicht auf das Verhalten wirken.


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