Freitag, 17. August 2018

Was Matthias Müller falsch macht Volkswagen verpatzt den Kulturwandel

Mit einem technisch-funktionalen Kulturverständnis, wie es der neue Vorstandschef Mathias Müller an den Tag legt, wird Volkswagen den nötigen Kulturwandel nicht schaffen

3. Teil: Was Volkswagen jetzt dringend tun muss

  • (1) VW muss sofort alle Zahlungen an Martin Winterkorn einstellen und zivilrechtlich auf Schadenersatz klagen, bevor er alle seine Vermögenswerte "in Sicherheit" bringt. Dazu ist der Aufsichtsrat sogar verpflichtet - und zwar unabhängig davon, ob man Martin Winterkorn konkretes Wissen um die Schummelsoftware nachweist. Neben den finanziellen Nutzen für VW tritt der symbolisch-kulturelle Nutzen: Das Unternehmen zeigt, dass sich auch Vorstände nicht alles erlauben können.
  • (2) Bereits in diesem Zusammenhang müssen Vorstand und Aufsichtsrat in die Tiefe gehend verstehen, was Unternehmenskultur eigentlich ist, warum sie wichtig ist und wie ihre eigene Unternehmenskultur tickt. Dazu lädt der Autor dieses Beitrages, der sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Unternehmenskultur beschäftigt, auf diesem Wege die Leitungsebene von VW gern nach Saarbrücken zu einer persönlichen Individualvorlesung ein. Wenn Matthias Müller sagt, er werde die Unternehmenskultur des Autoherstellers "neu justieren", dann deutet dies auf ein technisch-funktionales Kulturverständnis hin, das genauso wenig funktioniert, wie einen Porsche nur durch Suggestion zu lenken. Egal, wie dieses fehlende Wissen in die Köpfe der Manager kommt: Es ist nötig, um Schritt (3) zu realisieren.
  • (3) VW braucht einen neuen Vorstandsvorsitzenden, einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden und einen neuen Chef des Betriebsrats. Das hat vor allem etwas damit zu tun, dass es einfach jeglicher Lebenswirklichkeit widerspricht, zu glauben, diese drei Personen hätten nichts von der Schummelsoftware gewusst. Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende (sowie weitere Schlüsselfiguren) müssen jetzt von (weit!) außen kommen, wobei andere Automobilhersteller ebenso ausscheiden wie Banken und Versicherungen. Dieser Schritt hin zu Personen, die weder mit #dieselgate noch mit VW involviert sind, kommt vermutlich leider erst nach Schritt (2), weil ohne die "unternehmenskulturelle" Einsicht die genannten drei Personen sich gegenseitig stützen würden.

Kommen die Schritte (1) bis (3) nicht aus innerem Antrieb, wird sich in den nächsten Wochen der externe Druck auf Volkswagen aufbauen und das Unternehmen zu diesen Schritten zwingen.

  • (4) Matthias Müllers personalpolitische Schnellschüsse müssen zurückgedreht werden. Aussagen wie ein Empowerment nach der Devise "Just Do It" müssen vom Tisch. VW ist nicht Nike Börsen-Chart zeigen und vielleicht hat bei der Schummelsoftware auch irgendjemand vorschnell "Just Do It" gedacht. Stattdessen muss erst einmal klar werden, in welche Richtung sich die Kultur von VW entwickeln sollte. Dazu gehört im Übrigen nicht zwangsweise die von Matthias Müller angekündigte Dezentralisierung. Also: In Schritt (2) wird die erforderliche Unternehmenskultur in allen ihren Facetten identifiziert, und erst danach sind personalwirtschaftliche Maßnahmen zu definieren und umzusetzen.
  • (5) VW braucht eine nachhaltige und umweltorientierte Marken-, Produktions- und Absatzstrategie. Hier kann man beispielsweise über den Phaeton nachdenken, auch wenn er sich in China (noch) gut verkauft. Braucht man für den amerikanischen Markt wirklich Dieselautos? Vielleicht wäre sogar der völlige Rückzug aller Pkw-Dieselmotoren bei gleichzeitigem radikalem Forcieren von Hybridmodellen eine Strategie, die auch die amerikanische Politik begeistern könnte. Oder man verpflichtet sich dazu, bei allen (!) Umweltnormen jeweils die global schärfsten Regeln bei allen (!) Fahrzeugen einzuhalten. Also: Was Kalifornien verlangt, erfüllt VW auch in Niedersachsen.
  • (6) Nach dem Käfer gab es einen New Beetle. Warum nicht jetzt ein "New VW" mit einer neuen Kultur? VW könnte die aktuelle Krise zu einem umfassenden Neustart nutzen und alles auf den Prüfstand stellen. Das gilt für Lobbyarbeit ebenso wie für Stiftungsprofessuren. Ganz wichtig: Positiv-Etabliertes ist zu schützen. So hat Volkswagen als eines der ersten Unternehmen eine breite Mitarbeiterorientierung in der Unternehmenskultur verankert, die es zu erhalten gilt. Also: Gesucht ist ein tatsächlicher und großflächiger Neuanfang über Systeme, Strategie und Kultur.
  • (7) Was in den letzten Monaten lief, war weitgehend ein kommunikatives Desaster. Deshalb sind die Schritte (1) bis (6) von vorneherein in einer offensiven internationalen Kommunikationsstrategie zu positionieren. So eine Aufgabe muss doch eine Herausforderung für alle Agenturen sein. Vielleicht könnten diese ja einmal ungefragt ihre potenziellen Konzepte präsentieren oder sie zumindest dem Autor dieses Beitrags schicken. Denn der hätte auch schon einen Vorschlag: Gerade in den USA hat VW viel Spott für den damaligen Spot mit den Omas bekommen, die das weiße Handtuch an den Diesel-VW hielten. An diesem Werbefilm könnte man ebenso ansetzen wie an der dunklen Seite der Macht aus der Star-Wars-Werbung von VW aus dem Jahre 2011.

Also: Wolfsburg, bitte übernehmen! Die Zeit wird knapp.

Der Autor dieses Beitrags erklärt sich für etwas befangen: Er ist der absolute und personifizierte VW-Fan, hat in 40 Jahren alle seine Autos aus dem VW-Konzern gekauft, wurde von der Volkswagenstiftung in seiner Forschung unterstützt und verwendet seit Jahren positive Beispiele aus der Personalarbeit von VW in seinen Arbeiten.

Christian Scholz ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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