Freitag, 15. Dezember 2017

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Die Folgen des slowakischen VW-Streiks Wie VW das Ende des Billiglohn-Paradieses Osteuropa einläutet

Beendeter Streik im Volkswagen-Werk Bratislava: Mittelfristig dürfte das dem Land Wachstum kosten

Den Klang von Trillerpfeifen, die Lautstärke von Megafon-Parolen und den Anblick transparentschwingender Demonstranten kennen die Bewohner Bratislavas ziemlich gut. Die Slowaken gehen schon mal zu Tausenden auf die Straße, wenn ihnen die politischen Verhältnisse im Land stinken. Vor zwei Monaten demonstrierten tausende Menschen gegen schmierige Geschäfte des slowakischen Innenministers mit einem Immobilienentwickler. Vor fünf Jahren fegten Massenproteste nach einem Korruptionsskandal die damalige Regierung aus dem Amt.

Doch eines kannten jüngere Landesbewohner bislang nur vom Hörensagen: Einen umfassenden Streik gegen einen großen Arbeitgeber. Den gab es nun vor kurzem. Eine knappe Woche lang wurde im Volkswagen-Werk in Bratislava gestreikt, zum ersten Mal seit Inbetriebnahme des Werks vor 25 Jahren. Mit der Einigung brachten die Gewerkschaften hierzulande kaum vorstellbare Forderungen durch: VW zahlt seinen Arbeitern im Schnitt nun 14 Prozent mehr Lohn und legt noch eine kleine Einmalzahlung drauf.

Dass die VW-Führung sich darauf einließ, zeigt die neuen wirtschaftlichen Abhängigkeiten in Europa. Zugleich weckt der erfolgreiche Streik Begehrlichkeiten in anderen osteuropäischen Ländern - und trägt dazu bei, dass die Zeiten der Günstig-Produktion in Osteuropa zu Ende gehen.

Anders als in den Nachbarländern Ungarn und Polen zählen Arbeitsniederlegungen bislang nicht zum Repertoire der slowakischen Gewerkschaften. Zwischen 1994 und 2005, so hat die Weltbank mal ermittelt, gab es in der Slowakei ganze 9 Streiks. In Polen waren es im selben Zeitraum 1500, in Ungarn 77.

Lohnforderungen, die in Westeuropa unvorstellbar sind

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Große Unternehmen lieben verlässliche Bedingungen mit produktiven Arbeitern - und genau diese paradiesischen Bedingungen machten die Slowakei zum europäischen Liebkind der Autohersteller. Im vergangenen Jahr rollten mehr als 1 Million Neuwagen von slowakischen Bändern, das Land ist damit der nach Einwohnerzahl gemessen größte Autoproduzent der Welt. Peugeot unterhält ebenso ein großes Werk in dem Land wie der koreanische Autoriese Hyundai-Kia. Jaguar Land Rover baut gerade ein Werk für jährlich 150.000 Fahrzeuge östlich der Hauptstadt Bratislava.

Das größte Autowerk des Landes betreibt jedoch der Volkswagen-Konzern, der in seinem Werk nahe Bratislava Modelle für fünf seiner Konzernmarken fertigt. Rund 12.000 Mitarbeiter beschäftigt VW in dem kleinen osteuropäischen Land - und zahlt ihnen laut eigenen Angaben überdurchschnittliche Löhne. Bei 1800 Euro monatlich liegt der durchschnittliche Bruttolohn eines VW-Mitarbeiters in der Slowakei, das ist das Doppelte des Landesschnitts und laut VW-Angaben auch mehr, als die französische und koreanische Konkurrenz vor Ort bezahlt.

Die Gewerkschafter, die 16 Prozent mehr Lohn forderten, argumentierten hingegen: Die Lohnhöhe bei VW gehe nicht einher mit den Produktivitätssteigerungen, die sie jährlich ablieferten. "Wir tun das Maximum, ihr tut das Minimum" - mit solchen Sprüchen zogen die Arbeiter Dienstag vor einer Woche in den Streik. Im Vorfeld warnte das slowakische Finanzministerium, dass bereits 12 Tage Streik 0,1 Prozent BIP-Wachstum im Quartal kosten würden.

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