Sonntag, 24. September 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Radikalumbau bei Volkswagen Aus eins mach drei - VW schafft zwei neue Milliardenkonzerne

VW-Konzernchef Müller (Mitte), Strategievorstand Sedran (li.), Ober-Kommunikator Bode (re.): Die Marschrichtung steht

Der "größte Veränderungsprozess in der Geschichte von Volkswagen", ein "epochaler Wandel" der Branche, "fundamentale Veränderungen" für das Automobil an sich: Mit großen Worten geizte Matthias Müller nicht, als er die neue Marschroute des Volkswagen-Konzerns bis 2025 vorstellte.

"Together - Strategie 2025" nennt Müller jenen Plan, der Volkswagen vom Autohersteller zum weltweit führenden Anbieter nachhaltiger Mobilität machen soll.

Gleich 15 Initiativen sollen den Konzern in Hochgeschwindigkeit in die Zukunft beamen, vom massiven Ausbau der Elektroauto-Palette bis zur Steigerung der Renditen und der Profite aller Marken.

Doch zwei Punkte in Müllers Zielvorgaben sind für den Autoriesen geradezu revolutionär. Der VW-Chef stellt dem bisher von Wolfsburg aus gelenkten Volkswagen-Königreich quasi einen neuen Stadtstaat mit vielen Sonderrechten an die Seite. Ein Zehntel der Volkswagen-Stammbelegschaft schickt Müller zudem in ein neues internes Unternehmen, das einen Freibrief zum Fremdgehen bekommen könnte.

Folgen Sie Wilfried Eckl-Dorna auf twitter

Die erste Neuerung sprach Müller in seiner Präsentation gerne und häufig an: Volkswagen will ein neues Geschäftsfeld für Mobilitätslösungen aufbauen. Die neue Einheit soll Geld verdienen mit Fahrdiensten auf Knopfdruck, mit Carsharing, mit nach Bedarf buchbaren Transportdiensten und bald auch mit Robotertaxis. Wie das klappen soll, konnte Müller auch noch nicht sagen.

Die Mitarbeiter dieses neuen Volkswagen-Zweiges sollen profitable Transportlösungen für all jene finden, die kein Auto mehr besitzen, aber trotzdem mobil sein wollen. Müller sieht darin keine Nische, sondern prognostiziert für diesen gesamten Markt in neun Jahren Umsätze von bis zu 40 Milliarden Euro.

Respekt-Abstand gegen Wagenburg-Mentalität

Das Geschäft mit diesen Mobilitätsdienstleistungen soll zum zweiten Standbein für den Konzern werden. Im Jahr 2025 will Müller mit den Diensten einen Umsatz "in substanzieller Milliardenhöhe" erwirtschaften. Damit der schnelle Aufbau klappt, gibt Müller dem neuen Geschäftsfeld eine im VW-Reich bislang unbekannte Freiheit.

Der Hauptsitz des neuen Unternehmens im Unternehmen wird in Berlin liegen - und damit in Respektsabstand von Wolfsburg, Ingolstadt und Stuttgart.

Neu ist auch, dass Müllers Mobilitätstrupp ein Partner für alle Konzernmarken sein soll. Die Dienstleistungen werden also zentral entwickelt. Das war bislang eher nicht der Fall. Beim bisherigen Vortasten des Zwölf-Marken-Konzerns in Richtung Carsharing kochten etwa VW und Audi jeweils ihr eigenes Angebotssüppchen.

Eine Neuaufstellung will das Managerteam rund um Müller auch bei den hausinternen Zulieferern, also den VW-Komponentenwerken, wagen. Die sollen künftig in einem eigenständigen Unternehmen gebündelt werden, und das ist nicht gerade ein kleiner Bereich.

Ein neuer Autozuliefer-Riese, powered by VW

Denn fast ein Neuntel der gesamten weltweiten Konzern-Belegschaft ist mit der Fertigung von Komponenten beschäftigt. Rund 67.000 Volkswagen-Mitarbeiter an 26 Standorten weltweit stellen Bauteile wie etwa Motoren, Getriebe, Chassis-Elemente oder Kunstoffteile für die Modelle des Konzerns her. Noch nannte Müller keinen Zeitplan für die Überführung in ein eigenständiges Unternehmen. Der Grundsatzentscheid dafür steht, betonte der VW-Chefs. Details dazu will er im Herbst liefern.

Doch eines ließ er jetzt schon anklingen: Volkswagen prüft, ob diese neue Einheit auch Konkurrenten Teile liefern soll. Im Klartext: Die Wolfsburger erwägen, ihre Komponentenwerke auszugliedern, also einen neuen Zulieferer zu schaffen. Mit der aktuellen Mitarbeiterzahl wäre er mit einem Schlag einer der weltgrößten Autozulieferer.

Das ist noch Zukunftsmusik, und die Arbeitnehmerseite betonte postwendend, dass für die Komponenten-Kollegen alles beim Alten bleibe - auch bei den Tarifverträgen. Es gehe dabei nur um eine Neuordnung im "Überbau". Die neue Komponenten-Gesellschaft wird laut Müller in Wolfsburg oder der näheren Umgebung angemeldet, bleibt also nah am Herzen des Konzerns.

Doch eines lässt sich nach Müllers Präsentation absehen: In einer Dekade wird der Autoriese wohl nicht mehr ein einziges Gebilde sein, sondern aus drei Teilen bestehen: Der klassischen Autoproduktion, dem Mobilitätsgeschäft und der Komponentenherstellung.

Das ist die wahre Revolution bei dem Konzern. Denn in den letzten Jahrzehnten hat der Konzern nur Marken zugekauft. Von Aufteilung war da nie die Rede.

Das könnte Sie auch interessieren:

Newsletter von Wilfried Eckl-Dorna
Nachrichtenticker

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH