Dienstag, 18. Dezember 2018

Börsengang von 25 Prozent der Trucksparte könnte 6 Milliarden Euro einspielen Wie das Lkw-Geschäft zu Volkswagens Mustersparte wird

VW-Truckchef Andreas Renschler

So viel ist im Volkswagen-Konzern in Bewegung. Etliche Vorstandsposten einschließlich des Chefs werden umbesetzt, die ganze Führungsstruktur umgestellt. Und Lkw-Vorstand Andreas Renschler? Hat am Morgen vor der großen Entscheidung im Aufsichtsrat noch Zeit, sein Reich in Asien zu vergrößern - indem er eine Kooperation mit einer Tochter von Toyota Börsen-Chart zeigen besiegelt, einem der größten Konkurrenten des Mutterkonzerns im Autogeschäft.

"Ich kann hier einfach extrem viel gestalten, einen Global Champion aufbauen", schwärmte Renschler im Herbst im Interview mit manager magazin. Hat der Chef der Volkswagen-Sparte Truck & Bus Grund zu dieser Gelassenheit? Tatsächlich könnte er zu den größten Gewinnern des Konzernumbaus gehören.

Renschler hat mit der Integration von MAN und Scania bereits vorgemacht, wie die avisierte Bündelung der zahlreichen Konzernmarken in Gruppen geht. Das zeitweise schwierige Geschäft hat er auf Wachstum und Rendite getrimmt und so reif für den 2019 erwarteten Börsengang gemacht, der als Konsequenz nun eingeleitet wird.

Nach einem aktuellen "Spiegel"-Bericht wolle Volkswagen etwa 25 Prozent der Sparte an die Börse bringen und könne dabei mit Einnahmen von 6 bis 7 Milliarden Euro rechnen.

Zeitnah werde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, so der Beschluss aus Wolfsburg. "Wir sind jetzt bereit, einen Gang hochzuschalten", sagt Renschler.

MAN liefert fast die Hälfte des Umsatzes in der Trucksparte

Eine gewisse Unabhängigkeit genoss der ehemalige Manager des Truck-Weltmarktführers Daimler Börsen-Chart zeigen bei dieser Aufgabe schon länger. Für den Standort der Spartengesellschaft ließ er sich zwar statt des Wunschzieles Frankfurt im Interesse des Volkswagen-Großaktionärs Niedersachsen zunächst nach Braunschweig lotsen. Nun steht aber ein Umzug nach München vor, wo bereits das Teilunternehmen und früher eigenständige Dax-Mitglied MAN sitzt - weit weg von der Wolfsburger Zentrale.

MAN liefert mit 10 Milliarden Euro fast die Hälfte des im vergangenen Jahr auf knapp 24 Milliarden gestiegenen Umsatzes von Volkswagen Truck & Bus. Hinter der operativen Rendite der Gruppe von 6,9 Prozent bleiben die Münchener zwar noch etwas zurück, haben ihre Profitabilität aber deutlich gesteigert - wohl auch dank der gestiegenen Kooperation mit dem früher verfeindeten Schwesterunternehmen Scania, beispielsweise der Übernahme von Scania-Kupplungen.

Scania wesentlich profitabler

Die Schweden ihrerseits verkaufen mit 82.000 Trucks und 8000 Bussen im Jahr kaum mehr als MAN - erzielen damit aber einen merklich höheren Umsatz und mit 1,3 Milliarden Euro einen mehr als doppelt so hohen Gewinn. Dem seit langem renditestarken Unternehmen Scania kommt seine Spezialisierung auf teurere Schwerlastwagen zugute. Laut Renschler überwiegt die Einsicht in den Vorteil des gemeinsamen Auftritts auf dem Weltmarkt inzwischen den Stolz auf die eigene Leistung, der jahrelang Vorbehalte gegen die Integration mit MAN nährte.

Sparte für Lkw und Busse in Brasilien verringert Verlust

Neben den beiden großen, vor allem in Europa präsenten Lkw- und Busmarken gibt es auch noch Volkswagen Caminhões e Ônibus, die in MAN eingebrachten Lkw und Busse der Marke VW aus Brasilien, die in manchen Schwellenländern vermarktet werden. Dieses Teilgeschäft glänzte zuletzt mit fast einem Drittel Umsatzwachstum, 21.000 verkauften Lkw und 5000 Bussen - aber von extrem niedrigem Niveau, weil der brasilianische Markt in den Vorjahren tief in der Depression steckte und sich erst allmählich erholt.

Das Ergebnis ist noch immer negativ, aber immerhin wurde der Verlust 2017 fast halbiert. Die Marktführerschaft im Krisenland ist also nicht mehr eine solche Belastung für die Börsenpläne wie zuvor.

Rio als digitale Plattform der Logistik

Die vierte Marke ist neu: Rio wurde im vergangenen Jahr unter der Ägide von MAN als digitale Plattform der Logistik gegründet, mit über die Cloud vernetzten Diensten. Das ist die Lkw-Variante der vernetzten Mobilität, die auch für den neuen Konzernchef Herbert Diess die zentrale Herausforderung der Zukunft darstellt. Im autonomen Fahren sind die Nutzfahrzeugbauer sogar schon weiter als die Autokollegen, weil im geschützten Bereich von Häfen oder Bergwerken längst Robotertrucks unterwegs sind. Mit elektrischen Antrieben experimentieren sie ebenfalls.

Zu MAN, nicht aber zur Truck&Bus-Holding gehört auch noch das Geschäftsfeld Power Engineering mit der Tochter MAN Diesel & Turbo, die beispielsweise Schiffsmotoren und Gasturbinen baut. Hier "verbesserte sich die Situation etwas", heißt es vorsichtig im Geschäftsbericht für 2017 - was immer noch rote Zahlen bedeutet, und Unsicherheit, wie diese Beteiligung in die Börsenpläne zu integrieren ist.

Weg zum Global Player - Beteiligung an Navistar, Hino Partner in Japan

Auf der anderen Seite hat Renschler systematisch seine Fühler ausgestreckt, um die bisherige Nummer 9 der Lkw-Weltrangliste wirklich zum Global Player auszubauen.

Seit 2017 ist sein Unternehmen mit einem Sechstel an Navistar beteiligt. Der US-Truckhersteller, der in Nordamerika auch ein Drittel aller Schulbusse liefert, kommt auf sieben Milliarden Euro Jahresumsatz und fast 70.000 verkaufte Fahrzeuge. Im vergangenen Jahr schaffte Navistar knapp die Rückkehr in die schwarzen Zahlen, das Kerngeschäft mit Lkw brachte aber immer noch einen leichten Verlust.

Strategisch jedoch schien es die beste Gelegenheit, den wichtigen Markt nicht Daimler mit deren US-Tochter Freightliner zu überlassen. Eine Kosten sparende Einkaufskooperation und die Entwicklung eines Elektro-Lkw wurden gleich auf den Weg gebracht.

In China besitzt MAN schon länger ein Viertel der Anteile an der China National Heavy Duty Truck Group, die es mit der Marke Sinotruk immerhin auf Platz vier im globalen Absatzranking schafft. Diese Präsenz in Asien will Renschler unbedingt ausbauen.

Mit einem weiteren chinesischen Fahrzeughersteller namens JAC haben die Kollegen von der - weiterhin zur Kernmarke VW gehörenden - leichten Nutzfahrzeugsparte (Caddy, Transporter) auch unter Renschlers Mitarbeit eine zusätzliche Kooperation geschlossen.

Ohne Kapitalbeteiligung kommt bislang die Partnerschaft mit Gaz in Russland aus, von der sich Renschler ebenfalls hohes Absatzpotenzial auf einem wieder stark wachsenden Markt verspricht.

Und nun kommt mit Hino in Japan ein weiterer Partner hinzu.

Daimler - mit eigenen Börsenplänen für die Lkw-Sparte - ist zwar noch weit enteilt, aber im Vergleich zum 32-Milliarden-Euro-Geschäft von Volvo Börsen-Chart zeigen, davon gut 20 Milliarden Euro aus der Truck-Sparte, kann sich Volkswagens Nutzfahrzeugtochter bereits sehen lassen. Deren operative Rendite von 9,4 Prozent ist auch nicht mehr allzu weit entfernt.

Volvo bringt es auf einen Börsenwert von gut 30 Milliarden Euro, einschließlich der nicht zum Lkw-Markt gehörenden Randgeschäfte. Ein Viertel davon, wie es Volkswagen zum Verkauf vorschwebt, wären 7,5 Milliarden Euro. Die in Wolfsburg erhoffte Bewertung ist also ambitioniert, aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen.

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