Dienstag, 24. Oktober 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Wolfsburger Wechselbad Volkswagen steigert Profit, Prognose - und Probleme

Volkswagen in Wolfsburg: Der Konzern steht unter Kartellverdacht

Volkswagen legte am Donnerstag gute Zahlen zum Halbjahr vor - doch angesichts der Kartellvorwürfe gegen die Autobranche erscheint das fast wie eine Nebensache.

Der Wolfsburger Konzern hat den Gewinn dank weiterer Sanierungserfolge seiner Hauptmarke VW deutlich gesteigert. Der Betriebsgewinn legte im Zeitraum April bis Juni auf 4,5 Milliarden Euro zu, wie die Wolfsburger am Donnerstag mitteilten. Vor Jahresfrist hatten wegen der Kosten für die Dieselkrise lediglich knapp 1,9 Milliarden Euro zu Buche gestanden. Der Umsatz erhöhte sich binnen Jahresfrist um 4,7 Prozent auf rund 59,7 Milliarden Euro. Analysten hatten mit einem Betriebsgewinn etwa in dieser Größenordnung gerechnet.

Den Ausblick für den Umsatz hob Volkswagen zudem leicht an. Demnach geht das Management um Konzernchef Matthias Müller für das Gesamtjahr bei moderat steigenden Auslieferungen nun von einem Umsatzzuwachs von mehr als 4 Prozent aus. Bisher waren bis zu 4 Prozent Plus erwartet worden. Die Prognose für die operative Rendite blieb dagegen unverändert bei 6 bis 7 Prozent.

Überschattet werden die Geschäftsergebnisse von den weiter schwelenden Kartellvorwürfen gegen den Volkswagen-Konzern sowie weitere deutsche Autobauer. Am Mittwochabend war der Aufsichtsrat von Volkswagen vom Vorstand über die Lage bei dem Thema informiert worden. Nach außen schweigt das Unternehmen weiter zu dem Verdacht, hält den Austausch zwischen Konzernen zu technischen Fragen aber für "weltweit üblich". Wenige Tage vor dem Berliner "Diesel-Gipfel" ist nun Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zu Gast im VW-Stammwerk in Wolfsburg.

Zur Frage von Gesprächen unter den Herstellern hieß es in einer VW-Mitteilung, davon profitierten auch Kunden, "weil innovative Lösungen schneller verfügbar und preiswerter sind als aufwendigere Einzelentwicklungen". Die EU-Kommission prüft derzeit Informationen, wonach sich VW, BMW , Daimler , Audi und Porsche in verschiedenen Fragen mutmaßlich abgesprochen haben sollen. Einige VW-Kontrolleure gaben an, vom Kartellverdacht aus den Medien erfahren zu haben.

"Die Information gegenüber dem Aufsichtsrat ist offen diskutiert worden", teilte Volkswagen mit. "Der Vorstand wird den Aufsichtsrat in entsprechenden Angelegenheiten vollumfänglich informiert halten."

In Berlin betonte ein Sprecher von Hendricks, der Auftakt ihrer Sommerreise sei nicht mit Blick auf den Verdacht illegaler Absprachen deutscher Autobauer geplant worden. "Aber es trifft sich, denke ich, sehr gut", fügte er hinzu. Denn es gehe um Mobilität der Zukunft, Elektromobilität und "die Herausforderungen, die sich VW konkret jetzt vorgenommen hat". Die Ministerin will sich auch mit Konzernchef Matthias Müller und Betriebsratschef Bernd Osterloh treffen. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie Wirtschaftsminister Olaf Lies (beide SPD) - sie sitzen im Aufsichtsrat von VW - hatten Aufklärung verlangt.

Die Geschäftszahlen bei den Wolfsburgern entwickelten sich zuletzt gut. Im ersten Halbjahr 2017 übergab der Konzern knapp 5,2 Millionen Fahrzeuge - 0,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Allein im Juni legten die Auslieferungen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 4,2 Prozent auf 920.700 Neuwagen zu. Daher die deutlichen Zuwächse bei Umsatz und Gewinn. Die Kernmarke VW Pkw profitiert derzeit vom Aufschwung in Europa sowie von der Erholung auf dem russischen und dem südamerikanischen Markt. Im wichtigsten Einzelmarkt China dagegen schwächelte die Tochter Audi weiter.

Am kommenden Mittwoch will die Bundesregierung mit mehreren Ländern und Autobauern beim "Diesel-Gipfel" Wege finden, um einen geringeren Schadstoffausstoß zu erreichen. Hintergrund ist der VW-Abgas-Skandal mit Millionen manipulierten Dieselmotoren. Thema wird den Angaben zufolge sein, ob und wie ältere Diesel nachgerüstet werden können, um Fahrverbote zu vermeiden. Ob Software-Updates dafür ausreichen, ist unter Politikern und Experten umstritten. Hendricks ist zusammen mit Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) Gastgeberin des Treffens.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck mahnte die Branche, den Wandel zu neuen Antriebsarten auch angesichts der Diesel-Debatte nicht zu verpassen. "Wenn unsere Autoindustrie mit ihren zigtausend Arbeitsplätzen eine Zukunft haben soll, dann nicht mit Benzin und Diesel", sagte der Grünen-Politiker der "Heilbronner Stimme". "Die sind in 15 Jahren so veraltet wie Pferdekutschen vor 60 Jahren."

cr/dpa-afx/rtr

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH