Dienstag, 22. August 2017

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Volkswagen reformiert die Vorstandsvergütung Ausnahmsweise normal

Volkswagens Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Schwerer zu erreichende Boni, Orientierung am Aktienkurs, insgesamt weniger Geld: Volkswagen will seine Vorstände von diesem Jahr an massentauglicher honorieren.

Mal sorgten fast 17 Millionen Euro Jahresgehalt für den einstigen Vorstandschef Martin Winterkorn für öffentliche Erregung. Mal empörten die für das Jahr 2015 trotz Dieselgate ausgezahlten Boni. Dann erzürnte eine Abfindung von 12 oder sogar 13 Millionen Euro für die Compliance-Vorständin Christine Hohmann-Dennhardt Politiker aller Parteien. Volkswagen bezahlte seine Topmanager in den vergangenen Jahren außerordentlich gut. So gut sogar, dass das Unternehmen immer wieder als Beispiel für raffgierige Manager diente; und das erst recht seit dem Skandal um Millionen manipulierte Dieselmotoren und die damit verbundenen Milliarden-Strafen.

Damit soll in Zukunft Schluss sein. Volkswagens Aufsichtsräte haben am Freitag ein neues Vergütungssystem beschlossen; und das ist nicht nur deutlich verändert, es ist auch besser.

Die Kernpunkte:

- Die Vorstände werden weniger verdienen als früher. Der Vorstandschef kann künftig auf maximal 10 Millionen Euro kommen, andere Vorstandsmitglieder auf höchstens 5,5 Millionen Euro. Auch das ist viel. Aber es nicht mehr exorbitant. Konzerne wie Daimler, die Deutsche Bank, Merck, BMW und Siemens bezahlen ähnliche Gehälter.

- Die Boni werden niedriger ausfallen, und sie sind nicht mehr so einfach erreichbar. Ein Teil des Bonus entfällt zum Beispiel, wenn der Konzern operativ nicht mindestens 9 Milliarden Euro vor Steuern verdient. Ein anderer Teil erfordert eine operative Mindestrendite von 4 Prozent. Das setzt nicht gerade Meisterleistungen voraus. Aber bislang lagen die Hürden bei 5 Milliarden Euro beziehungsweise einer Rendite von 1,5 Prozent. Das sind Werte, die Sanierungsbedarf signalisieren und nicht mit der ein oder anderen Million extra belohnt werden sollten.

- Der mehrjährige Teil des Bonus wird nicht länger rückwirkend berechnet, sondern erfordert gute Ergebnisse in den beiden Folgejahren. Immer wieder hatten Investoren eine solche Änderung gefordert. Die Vorstände sollten motiviert werden, auch für die Zukunft gute Ergebnisse abzuliefern. Und sie sollten in schlechten Jahren nicht, wie im Dieselgatejahr 2015, getrieben durch die guten Resultate der Vergangenheit irritierend hohe Gehälter kassieren. Das Ergebnis: Ein Teil des Bonus wird künftig erst mit zwei Jahren Verspätung fällig; abhängig vom Konzerngewinn der Folgejahre und ausgezahlt nur dann, wenn der Konzern operativ mindestens 10 Euro je Vorzugsaktie verdient.

- Der Aktienkurs spielt künftig eine Rolle. Auch das ist in der Vergangenheit immer wieder von Investoren verlangt worden. Die Vorstände kassieren einen Teil ihres variablen Gehalts abhängig von der Entwicklung des Aktienkurses über drei Jahre. Steigt der Kurs nicht, entfällt dieser Teil des Gehalts.

- Die SPD wird es freuen: Ein Teil des variablen Gehalts soll nach Informationen von manager-magazin.de mit einem "Leistungsfaktor" um bis zu 20 Prozent erhöht werden können. Er soll aber auch - wie von den Sozialdemokraten gefordert - gekürzt werden können; und das ebenfalls um bis zu 20 Prozent.

Ein Beispiel für die Auswirkungen: Martin Winterkorn kassierte für das Jahr 2013 insgesamt 14,5 Millionen Euro Gehalt. Nach dem neuen System wären es nach Kalkulationen von manager-magazin.de rund 7 Millionen Euro gewesen. 2011 hätten ihm laut neuer Bonusberechnung statt 16,9 Millionen Euro 12,7 Millionen Euro zugestanden. Die hätte er indes nicht bekommen. Mehr als 10 Millionen Euro wären nicht ausgezahlt worden.

Wenig ist normal in Wolfsburg in diesen Tagen. Der Streit zwischen Betriebsrat und VW-Markenchef Herbert Diess ist eskaliert. Immer neue Beschuldigungen gegen Vorstände und Aufsichtsräte, sie hätten früh von den manipulierten Motoren gewusst, erschüttern den Konzern. Immer wieder werden diese Vorwürfe zurückgewiesen; doch sie sorgen für Unruhe und schaden dem ohnehin ramponierten Image.

Ein bisschen Normalität tut da gut. Und genau das ist es, was Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch mit dem neuen Vergütungssystem schafft: Die Vorstände verdienen viel, aber sie verdienen erstens normal viel. Und sie verdienen zweitens nur dann viel, wenn sie auch ordentliche Leistungen bringen.

Für 2016 gilt die neue Regelung noch nicht. Ab 2017 soll die Normalisierung greifen. Der Vorstand stehe "voll und ganz" zu der Modernisierung des Vergütungssystems und habe der "entsprechenden Modifikation der laufenden Verträge zugestimmt", sagte Vorstandschef Matthias Müller.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn die Vorstände haben ihre Verträge nicht bis 2016 unterschrieben, sondern bis 2017, 2018 oder 2019. Und mancher der Manager, so heißt es in Konzernkreisen, habe nur ungern verzichtet und so - zumindest gefühlt - für die Fehler anderer gebüßt.

Keine Angst: Verarmen werden sie nicht bei Volkswagen. Und - es mag ein Trost sein für die Spitzenkräfte - an einer Stelle bedeutet das neue System auch Zugewinn. Das Festgehalt wird um bis zu 30 Prozent erhöht. Diese sogenannte Grundvergütung ist entscheidend für die Höhe der Pension. Sprich: Die Rente ist nicht nur sicher. Sie steigt sogar.

Aufsichtsratschef Pötsch weiß das natürlich. Es passe ihm auch nicht recht, heißt es in Wolfsburg. Aber man könne nicht alles auf einmal erledigen. Es bleibt Arbeit. Auch beim Gehalt.

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