Dienstag, 26. März 2019

Körpersprache-Experte über den US-Chef von VW  Welche Haltung zeigt Michael Horn?

Körpersprache: Wie der US-Chef von VW sich vor dem Kongressausschuss zeigte
Channel 4 News / Youtube

manager-magazin.de: Herr Moesslang, wie beurteilen Sie den Auftritt des US-Chefs von VW, Michael Horn, vor dem Untersuchungsausschuss des Kongresses?

Moesslang: Er hat das relativ gut gemacht. So wie ich ihn gesehen habe, ist er souverän geblieben, sowohl bei der Verlesung seiner Erklärung als auch bei den Fragen, die dann kamen. Er wirkt gut vorbereitet, aber nicht über Gebühr gecoacht, sein Auftritt wirkt natürlich.

mm.de: Was fällt an Körpersprache und Mimik auf?

Michael Moesslang
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    Reiner Pohl
    Michael Moesslang ist Experte für Präsentation, Körpersprache und Rhetorik. Er arbeitet als Autor, Redner und Coach und ist Lehrbeauftragter unter anderem an der St. Galler Business School und der European Business School der Hochschule Reutlingen. www.michael-moesslang.de/
Moesslang: Er zeigt relativ viel Mimik. Das ist nicht jedermanns Sache. Er runzelt die Stirn relativ viel, hält sich aber ansonsten körpersprachlich sehr zurück. Ganz zu Beginn hat er die Hände recht verkrampft im Schoß, das ist nachvollziehbar, aber ungünstig. Beim Verlesen seiner Erklärung gibt es nur kleine, kurze Sicherheitsblicke, so nach dem Motto: Kommt es an, was ich sage? Nur einmal hält er längeren Blickkontakt: Als er sich seine Entschuldigung ausspricht, die er noch einmal betont wiederholt. Diesen Passus hat er garantiert mehrmals geprobt. Den Blickkontakt da lange zu halten, hat er sich sehr bewusst vorgenommen, das sieht man. Eigentlich hätte er ihn sogar noch länger halten müssen. Beim freien Sprechen wirkt er souverän, er zeigt raumgreifende Gesten, hält festen Blickkontakt, nur ab und zu guckt er nach oben oder zur Seite. Als die Rede darauf kommt, dass das Vertrauen verloren sei, ist ein verstärktes Stirnrunzeln zu sehen, er schiebt seine Unterlippe vor - eine Geste der Hilflosigkeit.

mm.de: Was hätte er besser machen können?

Moesslang: Wenig. Er kommt insgesamt ja sehr souverän rüber. Unsicherheitsgesten zeigt er nur sporadisch: Als er zu seinem Sitzplatz geht, fasst er dort jeden einzelnen Gegenstand an - das ist eine Übersprungshandlung, er schafft sich so einen sicheren Raum. Das ist aber vollkommen normal. Wenn wir angespannt sind, haben wir Adrenalin im Körper, da hat man eigentlich einen starken Bewegungsdrang - und der bricht sich dann in solchen Gesten Bahn.

mm.de: Ein solcher Pflichtauftritt ist ja eine echte Alptraumsituation. Was sind die absoluten Dos und Don'ts?

Moesslang: Natürlich wird eine gewisse Demut erwartet, aber Sie dürfen sich nicht als Opfer hinstellen, dann werden Sie nicht ernst genommen. Sie müssen die richtige Mischung aus Demut und Verantwortung zeigen. Selbstbewusstsein liest man an der Körperhaltung ab.

mm.de: Und wie sollte man sich da präsentieren?

Moesslang: Wenn Sie stehen: Zeigen Sie eine stabile, offene Körperhaltung, aber nicht wie ein Türsteher mit breitem Schritt. Im Sitzen vergraben Sie Ihre Beine nicht unter dem Stuhl, aber vermeiden Sie auch das "Manspreading" mit breit gespreizten Beinen. Und ansonsten hilft nur eines: Sie müssen exquisit vorbereitet sein. Sie müssen Ihre Zahlen parat haben und inhaltlich absolut sicher sein.

mm.de: Aber es kann ja immer Fragen geben, auf die man nicht vorbereitet ist.

Moesslang: Wenn Sie nicht antworten können oder wollen, werden Sie nicht aggressiv, weder im Ton noch in der Körperhaltung. Man darf keine Unsicherheiten zeigen. Sie dürfen aber auch nicht eingefroren wirken. In einer solchen Verhörsituation versuchen viele Leute, sich gar nichts anmerken zu lassen, um nicht nervös zu wirken. Das wirkt unnatürlich. Und Sie müssen vermeiden, patzig zu wirken oder aggressive Haltungen zu zeigen. Wie das aussieht, können Sie zum Beispiel bei Putin sehen: Der hat meist den Blick von oben, neigt sich angriffsbereit vor. Das macht der immer, im Stehen, im Sitzen, überall. Wenn Sie sich so zeigen, fühlen sich die Leute leicht schon von Ihrer Haltung angegriffen - und werden ihrerseits aggressiver.

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