Dienstag, 19. März 2019

Wie VW-Ingenieure CO2-Werte manipulierten Betrügen und schweigen - aus Angst vor Winterkorn

Unerreichbare Abgasziele? So stellen es Ingenieure von Volkswagen jetzt in internen Geständnissen dar. Doch anstatt die Unerreichbarkeit der offenbar von Vorstandschef Martin Winterkorn vorgegebenen Ziele zu diskutieren, haben sich die Ingenieure lieber weggeduckt und manipuliert

Mehr Reifendruck, Diesel ins Motoröl - VW-Ingenieure manipulierten auf vielfältige Weise die CO2-Werte der Autos. Anders hätten sie die Vorgabe von Ex-Vorstandschef Winterkorn nicht erreichen können, heißt es offenbar in internen Geständnissen.

Geständnisse von Volkswagen-Mitarbeitern haben nach einem Zeitungsbericht zur Aufdeckung der vergangene Woche bekanntgewordenen CO2-Manipulationen geführt. Wie "Bild am Sonntag" berichtet, liegen der Konzernrevision mehrere entsprechende Aussagen vor.

Demnach begann der Betrug 2013 und lief bis zum Frühjahr 2015. Ein VW-Sprecher sagte auf Anfragen der Nachrichtenagenturen Reuters und dpa, bei internen Untersuchungen hätten Mitarbeiter angegeben, dass es bei der Ermittlung der Verbrauchswerte Unregelmäßigkeiten gegeben habe. Wie es dazu kam, sei Gegenstand der laufenden Prüfung.

Dem Zeitungsbericht zufolge begann der Betrug mit geschönten Sprit- und CO2-Angaben von Hunderttausenden Volkswagen-Modellen 2013 und lief bis zum Frühjahr 2015. Die Techniker hätten mit unerlaubten Maßnahmen die Werte manipuliert, zum Beispiel durch einen höheren Reifendruck von mehr als 3,5 bar. Daneben sei auch Diesel ins Motoröl gemischt worden, damit der Wagen leichter läuft und weniger Sprit verbraucht. Einer der Ingenieur habe dies bereits Ende Oktober eingeräumt.

Unter Winterkorn soll eine Kultur der Angst geherrscht haben

Grund für die Manipulationen sei gewesen, dass die vom inzwischen zurückgetretenen VW-Chef Martin Winterkorn gesteckten Ziele nicht mit legalen Mitteln hätten erreicht werden können. Aus Angst vor Repressionen hätten sich die Ingenieure nicht getraut, die tatsächlichen CO2-Werte zu kommunizieren. Es habe eine Kultur der Angst geherrscht.

Ex-Volkswagenchef Winterkorn hatte 2012 angekündigte, den CO2-Ausstoß bis zum Jahr um 30 Prozent reduzieren. Der Konzern musste nun am vergangenen Dienstag mitgeteilt, dass bei einigen Fahrzeugmodellen zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Es geht um 800.000 Wagen.

Europas größter Autobauer wird seit September zudem von einem Skandal um manipulierte Schadstoffmessungen bei Diesel-Fahrzeugen erschüttert, Millionen Autos müssen deshalb in die Werkstatt. Grünen-Chefin Simone Peter forderte die Zulassung von Sammelklagen in Deutschland nach US-Vorbild. "Wenn Konzerne bewusst betrügen und Grenzwerte verletzen, müssen sie sich auch der Verantwortung stellen, eine Mitschuld an Gesundheitsschäden zu tragen", sagte Peter der "Welt am Sonntag".

Diesel-Skandal: US-Ermittler sollen VW-Manager den Pass abgenommen haben

Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" nahmen US-Ermittler einem VW-Manager wegen des Dieselskandals den Pass ab. So wollten sie offenbar verhindern, dass sich der Manager einer Befragung oder strafrechtlichen Verfolgung entziehe. Ein Konzernsprecher wollte sich dazu nicht äußern. "Wir kommentieren das nicht."

In dem Bericht heißt es weiter, dass VW-Mitarbeiter deshalb zögerten, in die USA zu reisen, weil sie fürchteten, ebenfalls den Pass abgenommen zu bekommen. Eine für die zweite Novemberhälfte geplante USA-Reise von Konzernchef Matthias Müller sei deshalb unwahrscheinlich geworden. "Reisen von VW-Mitarbeitern in die USA fanden und finden statt", sagte der VW-Konzernsprecher dazu.

Verkehrsminister kündigt schärfere Abgastests an

Als Konsequenz aus der Affäre um falsche Abgas- und Verbrauchswerte bei Volkswagen will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) jetzt streng kontrollieren lassen. "Die Dieselfahrzeuge anderer Hersteller auch aus dem Ausland unterziehen wir gerade strengen Nachprüfungen", sagte der "Bild"-Zeitung (Samstag). Dobrindt kündigte zudem eine Überarbeitung der Abgastests an. Von den Herstellern verlange er vollkommene Transparenz gegenüber den Prüforganisationen.

Die Autoindustrie widersprach dem Vorwurf, zwischen der Branche und der Politik bestehe eine zu große Nähe. "Die Politik hat uns nie einfach blind etwas abgenommen", sagte der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, Matthias Wissmann. Man habe auch nie versucht, sich unlautere Vorteile zu verschaffen. "Dass aber die Automobilindustrie mit Informationen Gehör findet, bei einer Industrie, von der in Deutschland fast fünf Millionen Menschen abhängen, finde ich eigentlich selbstverständlich."

Die ganze Geschichte

rei/reuters/dpa

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