Montag, 12. November 2018

Erster Auftritt von Herbert Diess als VW-Konzernchef Zwei Büros für den doppelten Volkswagen-Chef, Fünf-Jahres-Vertrag für Vorgänger Müller

Herbert Diess

Zeitenwechsel in Wolfsburg: Herbert Diess übernimmt das Amt des Volkswagen-Chefs von Matthias Müller, zugleich wird die Führungsstruktur des Konzerns grundlegend umgebaut. manager-magazin.de zeigt Ihnen die erste Präsentation der neuen Führung, hier im Livestream. Darunter fassen wir die wichtigsten Aussagen zusammen.


10.30 Uhr: Gleich soll die Pressekonferenz in Wolfsburg beginnen. Vorab hat sich bereits Betriebsratschef Bernd Osterloh lobend über die neue Machtverteilung bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen geäußert. Natürlich hat er sich den Aufstieg seines zeitweisen Intimfeinds Diess auch mit mehr Einfluss abkaufen lassen.

Diess' Vorgänger verabschiedet sich mit "Dank und Stolz". Die "Automobilwoche" zitiert aus einem Brief Matthias Müllers, der heute an die Mitarbeiter gehen soll. Er habe in den vergangenen zweieinhalb Jahren an der Spitze viel gelernt "über unsere Industrie, den Konzern und auch über mich selbst". Volkswagen sei "bereit, den Wandel mutig und konsequent zu gestalten".

10.36 Uhr: Konzernsprecher Peik von Bestenbostel eröffnet die Runde. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch beginnt: "Gestern war ein wichtiger Tag für den Volkswagen-Konzern." Er rahmt den Konzernumbau mit Superlativen ein. Seit Herbst 2015 sei die "größte Krise der Unternehmensgeschichte" mit dem Diesel-Skandal weitgehend bewältigt worden. Zugleich stehe die gesamte Branche vor ihrer "größten je da gewesenen" Umwälzung mit Digitalisierung, autonomem Fahren und Elektromobilität.

"Beides hat unser Unternehmen sehr erfolgreich gemeistert", meldet Pötsch (mit nur leichten Einschränkungen) - Vollzug. Müller habe die Rettung des größten deutschen Konzerns mit "Bravour" bewältigt. "Volkswagen geht gestärkt aus der Diesel-Krise hervor", behauptet Pötsch. Müller selbst steht nicht auf der Bühne.

10.43 Uhr: Pötsch erläutert die seit der Aufsichtsratssitzung am Donnerstagabend bekannten Personalien. Herbert Diess behalte neben dem Posten des Konzernchefs seine bisherige Position als VW-Markenchef. Ihm werde ein Chief Operating Officer an die Seite gestellt - ein neu geschaffener Job, der schnellstmöglich besetzt werden solle.

Porsche-Chef Oliver Blume, bisher schon als eine Art Beobachter in dem Gremium, rücke zum vollwertigen Konzernvorstand auf.

Der Betriebsratsfunktionär Gunnar Kilian ersetze Personalvorstand Karlheinz Blessing.

Und Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz werde ebenfalls verabschiedet.

10.45 Uhr: Jetzt erklingt kerniges Bayrisch in Wolfsburg. "Es gibt keinen Grund, den eingeschlagenen Kurs zu ändern", erklärt der neue Konzernchef. Ex-BMW-Manager Herbert Diess, seit 2015 im Volkswagen-Vorstand, will nur eine "zweite Phase" des Konzernumbaus einläuten. "Es geht um eine Weiterentwicklung und keine Revolution."

"Eine stärker subsidiäre Führung des Konzerns" sei mit der Gliederung in sechs Markengruppen und die Region China möglich - das heißt mehr Eigenverantwortung der in Gruppen zusammengefassten Marken . "Wir schaffen die Voraussetzung, schneller zu werden in Entscheidungen und deren Umsetzung." Volkswagen verschlanke die Führungsstruktur, um agiler zu werden.

10.50 Uhr: Kurz und knapp hat Diess die "Keine-Revolution" abgehandelt, in der unter anderem die schwere Nutzfahrzeugsparte in Richtung Börse geschickt wird.


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Sprecher Bestenbostel eröffnet die Fragerunde und gibt den Journalisten eine halbe Stunde. "Wir haben auch noch andere wichtige Termine."

Diess erklärt zunächst die Sortierung der Auto-Markengruppen in Volumen (VW, Seat, Skoda, aber auch leichte Nutzfahrzeuge und die neue Mobilitätstochter Moia), Premium (Audi) und Super-Premium (Porsche, Bentley, Bugatti, "perspektivisch" auch die Audi-Tochter Lamborghini) folge der Logik der Marktposition - also wie teuer sich die Produkte verkaufen lassen.

10.55 Uhr: Die Komponentenwerke, in der Vergangenheit auch schon einmal Gegenstand von Spekulationen über Börsenpläne sollen dem Einkaufsvorstand zugeordnet werden - ein klares Signal, dass Diess sie weniger als integralen Bestandteil der eigenen Marken sieht denn als Wettbewerber der externen Zulieferer um das günstigste Angebot. "Make or buy", solle künftig nicht der Vorstand entscheiden.

Mit der Motorradmarke Ducati scheint der Chef in der neuen Struktur auch nicht so recht etwas anzufangen zu wissen. Die Beteiligung werde geprüft. Schon zuvor hatte Diess gesagt, Randgeschäfte könnten veräußert werden. "Bis auf weiteres" gehören Ducati und Lamborghini weiter zu Audi und damit zur Premium-Gruppe.

11 Uhr: Innerhalb einer Markengruppe ließen sich viele Entscheidungen im Detail "schneller und effizienter" treffen als auf Konzernebene, erklärt Diess den Vorteil der neuen Struktur. Die Zentrale solle "fokussiert werden auf die großen strategischen Fragen".

"Porsche ist sehr stark in der Produktion", erklärt Diess, warum Porsche- beziehungsweise Super-Premium-Chef Oliver Blume auch die Produktion auf Konzernebene verantworten soll.

Den Vertrieb bekommt Audi- beziehungsweise Premium-Chef Rupert Stadler, der ja auch ein "sehr erfahrener" Manager sei. Die Rufe nach Stadlers Abberufung wegen seiner Rolle im Diesel-Skandal sind verhallt.

11.07 Uhr: "Einen Verband von Schiffen statt eines Panzerkreuzers", findet Herbert Diess ein neues Bild für die Struktur des Konzerns mit 640.000 Beschäftigten und 230 Milliarden Euro Umsatz. Er freut sich sichtlich über die maritime Wortschöpfung. Ansonsten ist "Subsidiarität" sein Lieblingswort des Tages - also mehr von unten machen lassen und nur das Notwendige oben entscheiden.

Frank Witter werde die Konzern-IT verantworten, er selbst die Vernetzung der Fahrzeuge, erklärt Herbert Diess. Er wolle "kein zusätzliches Silo", begründet er den Verzicht auf ein eigenes Digital-Ressort im Konzern. Das "Auto als Teil des Internets", ist sein großes Credo.


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Den Einkaufsvorstand werde Volkswagen in den kommenden Monaten neu besetzen. Vielleicht habe man auch schon jemanden dafür im Kopf, unkt Diess.

11.13 Uhr: "Ich fühle mich schon noch ein bisschen als Österreicher, weil ich auch so einen Pass habe", beantwortet der gebürtige Münchener Diess eine private Frage. Nationalitäten spielten im Volkswagen-Konzern aber eine untergeordnete Rolle. Kein Problem also, dass auch Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und manche prominente Vertreter der Eigentümerfamilie Porsche-Piëch eine starke österreichische Bank im Konzern bilden.

11.16 Uhr: Pötsch bestätigt, dass die Truck&Bus-Sparte von Braunschweig nach München ziehen soll - und beteuert, der Konzern werde die Kontrolle an dem Unternehmen auch nach einem Börsengang keinesfalls abgeben.

"Nur wer nichts tut, der macht keine Fehler." Diese Aussage des Aufsichtsratsvorsitzenden ist auf Matthias Müller gemünzt. Pötsch windet sich etwas, um zu begründen, warum der bisherige Chef vorzeitig gehen musste. Man wünsche sich ein Team, das Entscheidungen nicht nur trifft, sondern auch zu ihnen steht, wenn sich die Auswirkungen zeigen. War Müller also zu biegsam im Gegenwind?

11.20 Uhr: Auch Diess äußert seinen "Reschpekt" für Matthias Müller. In vielen strategischen Fragen seien die beiden sich einig. Seine eigenen, seit langem spürbaren Ambitionen spielt er deutlich herunter. "Ich bin dann eben gefragt worden, wie wir das weiterentwickeln können."

Dass der bisher als Gewerkschaftsfresser bekannte Diess plötzlich als Kumpel von Betriebsrat Osterloh wahrgenommen wird, nimmt er mit einem Schmunzeln. "Ich muss mich etwas daran gewöhnen, aber es hat auch Vorteile." Der Betriebsrat denke strategisch und übernehme Mitverantwortung, das sei ja auch Sinn der Mitbestimmung.


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11.25 Uhr: Pötsch erklärt die neue Rolle von Müller als Berater. Es gehe keineswegs um eine Pro-Forma-Lösung, um den bis 2020 laufenden Vertrag des abgelösten Vorstandsvorsitzenden zu erfüllen. Der 64-Jährige bekomme einen neuen Fünf-Jahres-Vertrag.

11.30 Uhr: Fast schon vergessen: Herbert Diess bekennt sich auch zum Kulturwandel, zu besserer Compliance und zu Verantwortung für bessere Luft in den Städten. Als Folge des Diesel-Skandals sei es "auch gut so", dass Volkswagen mehr zur Reduzierung der Stickoxid-Emissionen getan habe als andere Hersteller. Dass dieses Thema erst jetzt zur Sprache kommt, zeigt deutlich: Die durch Volkswagens Abgasbetrug ausgelöste existenzielle Krise ist offiziell passé, der Blick geht wieder nach vorn.

11.33 Uhr: Interessantes Detail: Herbert Diess bekommt als doppelter Volkswagen-Chef zwei Büros in Wolfsburg - eines auf Marken-, eines auf Konzernebene.

11.35 Uhr: Diess sieht keine Notwendigkeit für größere Zukäufe. Kein Wunder, er will den gewaltig angeschwollenen Konzern ja gerade verschlanken.

Und damit ist auch schon Schluss. So schnell, wie im größten Konzern Deutschlands alles auf den Kopf gestellt wurde, ist auch die Erklärung des Wandels an die Öffentlichkeit beendet. Etliche Fragen müssen für heute offen bleiben.

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