Dienstag, 27. Juni 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Aus "Diesel-Thematik" wird "Diesel-Krise" Wie VW-Chefaufseher Pötsch sein Versprechen bricht

VW-Chef Matthias Müller: Datenraum von mehr als 100 Millionen Dokumenten

"Dieselkrise"? Es ist ein subtiler, aber deutlich hörbarer verbaler Schwenk, den VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und VW-Konzernboss Matthias Müller auf der Hauptversammlung in Hannover vollziehen. Erstmals nennen sie den Skandal um manipulierte Selbstzünder-Motoren nicht mehr beschönigend "Diesel-Thematik", sondern durchgängig "Dieselkrise".

Dabei will Müller seine Aktionäre eigentlich auf die Zukunft einschwören. "Ich lade Sie ein, den Blick nach vorne zu richten", sagt er gleich zu Anfang seiner Rede. Er skizziert Jahre des radikalen Umbruchs für die Branche, aus denen Volkswagen Börsen-Chart zeigen natürlich gestärkt hervorgehen soll.

Doch die Fehler der Vergangenheit müssen Müller und zuvor Aufsichtsratschef Pötsch auch ansprechen. Sie tun das erstaunlich ausführlich und mit einem geschickten Dreh: Sie erklären, wie viel der Konzern in punkto Aufarbeitung des Skandals unternommen und was sich dadurch alles im Konzern verändert habe.

Datenraum von 100 Millionen Dokumenten

Die Kanzlei Jones Day habe mehr als 600 Interviews mit VW-Mitarbeitern geführt und einen "Datenraum" von 100 Millionen Dokumenten gesichert, erläutert Pötsch. Von den weltweit 11 Millionen Fahrzeugen mit Schummel-Diesel an Bord habe man 4,7 Millionen Fahrzeuge umgerüstet, erklärt Müller. Es gibt jetzt ein neues Hinweisgebersystem, das Fehlverhalten von Mitarbeitern frühzeitig aufdecken soll.

Doch um eine entscheidende Antwort drückt sich Europas größter Autohersteller weiterhin: Um die Frage nämlich, welche hochrangigen Manager im Konzern denn von der Betrugs-Software wussten und damit mitverantwortlich waren für jenen Skandal, der Volkswagen seine schwerste Krise bescherte.

Antworten darauf könnte ein Bericht der Anwaltskanzlei Jones Day geben, die Volkswagen monatelang durchleuchtete - und dessen Veröffentlichung Hans Dieter Pötsch mehrfach in Aussicht gestellt hat. Dieses Versprechen wird Pötsch aber nie einlösen.

"Einen schriftlichen Abschlussbericht wird es nie geben"

"Um es klar zu sagen: Einen schriftlichen Abschlussbericht von Jones Day gibt es nicht und wird es nie geben", sagt Pötsch in seiner Rede. Zum einen laufen die Ermittlungen der Anwälte weiter. Zum anderen habe man sich bei Abschluss des Vergleichs in den USA verpflichtet, ein solches Dokument nicht vorzulegen.

Falls man das doch tue, drohen hohe Strafen, sagt Pötsch. Mit einer Veröffentlichung eines solchen Berichts würde Volkswagen deshalb "unvertretbare Risiken" eingehen, argumentiert er. Die wichtigsten Erkenntnisse stünden ohnedies auch im so genannten "Statement of Facts", das Basis des Vergleichs sei. Das war's dann also mit der Transparenz in punkto Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten.

Leider präsentiert Pötsch jedoch auch keine Auszüge aus der von VW und dem US-Justizministerium unterschriebenen Vereinbarung. Und so bleibt den Zuhörern nur der Glaube an Pötschs eigene Worte.

Wie deutsche Anlegeranwälte VW doch zu Zahlungen zwingen wollen

Und das tun längst nicht alle. Rechtsanwalt Andreas Tilp etwa vertritt zahlreiche Aktionäre und institutionelle Investoren. Er hat wegen Kursverlusten Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe gegen den VW-Konzern eingebracht - beim Landesgericht Braunschweig, in Stuttgart und auch in den USA. Am Vorabend beschrieb er im kleinen Kreis seine Strategie, um Volkswagen doch noch zu Zahlungen und der Herausgabe von Dokumenten zu bewegen.

So hofft Tilp etwa über einen Antrag in den USA, noch an ein paar Informationen zu kommen. Und über ein rechtlich seltener genutztes Instrument in Stuttgart will er an einige E-Mails herankommen, die den Fortschritt seiner Klagen beschleunigen dürften - und Volkswagen wohl zu einem Vergleich mit geschädigten Anlegern in Europa bewegen könnten.

All das wird noch lange dauern. Tilp selbst rechnet damit, dass sich die Verfahren wohl noch bis zum Jahr 2020 hinziehen dürften. Auch die Volkswagen-Führungsriege hat immerhin erkannt, dass sie den Diesel-Skandal nicht so einfach abhaken kann - trotz alles Ausmalens einer elektrifizierten Zukunft, in der Volkswagen-Fahrzeuge fahrerlos über die Straßen düsen.

Die weitere Bewältigung der Diesel-Krise habe "unverändert höchste Priorität", erklärte Müller. Und der Umgang mit ihr werde weiterhin "noch erhebliche Zeit und Wegstrecke in Anspruch nehmen".

Nachrichtenticker

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH