Dienstag, 28. Juni 2016

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Brisante Studie in Volkswagen-Abgasaffäre Forscher rechnen VW 60 Tote durch Abgas-Skandal zu

Auspuff eines VW Passat: In den USA sollen VW-Dieselautos 36.700 Tonnen mehr Stickoxide produziert haben als erlaubt, meinen Forscher

Noch sei es für Volkswagen zu früh, um die finanziellen Folgen des Skandals um manipulierte Abgaswerte einigermaßen abschätzen zu können, erklärte Konzernchef Matthias Müller vor kurzem. Für den Rückruf von 11 Millionen Fahrzeugen hat Volkswagen 6,7 Milliarden Euro zurückgelegt, doch die Höhe möglicher Schadenersatzforderungen und Strafzahlungen an Behörden kann Volkswagen noch nicht beziffern.

Nun gibt eine Studie aber einen ersten Fingerzeig, auf welche Argumente und Zahlen sich der Volkswagen-Konzern in den USA einstellen muss. Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Universität Harvard haben hochgerechnet, wie viele Menschen wohl durch Stickoxide gestorben sind, die manipulierte VW-Dieselmotoren im Alltagsbetrieb in die Luft blasen.

Die Forscher kommen auf rund 60 vorzeitige Todesfälle bis Ende 2016, wie sie in der Fachpublikation "Environmental Research Letters" berichtet. Diese Zahl gilt aber nur dann, wenn Volkswagen in den USA im kommenden Jahr alle 482.000 betroffenen VW-Dieselfahrzeuge zurückruft und mit einer wirksamen Abgasreinigung ausrüstet. Verzichtet VW auf einen US-Rückruf, kommen laut den Forschern nochmal bis zu 140 vorzeitige Todesfälle dazu.

Mit solchen Zahlen bekommt die VW-Abgasaffäre eine andere Tragweite. Volkswagen hat bislang zugegeben, dass einer seiner Dieselmotoren-Typen die Stickoxid-Grenzwerte nur auf dem Prüfstand einhält. Eine Software erkennt, wenn ein Auto auf dem Prüfstand steht und aktiviert nur dann die vollständige Abgasreinigung. Im Alltagsbetrieb stoßen die Autos aber bis zu 40-mal mehr Stickoxide aus als bei den offiziellen Emissionstests.

Bislang lief das unter Kundenbetrug - doch nun rückt eine wissenschaftliche Studie renommierter Universitäten den Volkswagen-Konzern in die Nähe von Todesfällen, die der Autokonzern direkt verursacht hat. Und das dürfte bei der Bemessung von Strafen eine wesentliche Rolle spielen.

37.000 Tonnen mehr Stickoxide als erlaubt

Grundlage der Forscherrechnung ist eben die Annahme, dass die VW-Autos 40-mal mehr Schadstoffe ausstoßen als erlaubt. Zwischen 2008 und 2015 hätten sie damit rund 36.700 Tonnen an zusätzlichen Stickoxiden in die Luft gepustet. Die Stickoxide machen die Wissenschaftler für Atem- und Herzkreislaufkrankheiten verantwortlich. Für Menschen mit entsprechenden Vorerkrankungen wie Asthma oder chronischer Bronchitis kann das auch einen verfrühten Tod bedeuten.

Der erhöhte Stickoxid-Ausstoß von Volkswagen-Autos dürfte die Sozialkassen 450 Millionen Dollar kosten, meinen die Forscher. Wie viele Tonnen Stickoxid nun für wie viele Todesfälle verantwortlich sind, das ist naturgemäß schwer zu ermitteln. Die Forscher griffen deshalb auf eine Studie zurück, in der die Todesraten von Stadtbezirken untersucht worden waren, die unterschiedliche Grenzwerte einzuhalten hatten. Die Umrechnung kommt schließlich auf die genannten 60 vorzeitigen Todesfälle.

Die Forscher können damit nur eine erhöhte Sterblichkeit angeben. Wer nun direkt an den Abgasen gestorben sei, lässt sich damit nicht sagen. Anwälte können mit solchen Zahlen also kaum vor Gericht ziehen und Schadenersatz fordern. Dazu müssten die Auswirkungen der Stickoxide aus dem VW-Auspuff auf jeden einzelnen Todesfall nachgewiesen werden. Dabei müssten aber auch noch andere Luftverschmutzungsfaktoren herausgerechnet werden - was schwierig sein dürfte.

Dennoch dürften die Ergebnisse vor Gericht Verwendung finden, meinen die Forscher selbst. Denn solchen statistischen Hochrechnungen können auch dazu dienen, den Schaden durch den Abgasbetrug zu beziffern - und davon werden Staatsanwälte und Ankläger wohl gerne Gebrauch machen.

mit Material von Spiegel Online / Michael Kröger

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