Freitag, 20. Juli 2018

"Der Tanker Volkswagen hat seine Richtung geändert" Matthias Müllers Mühen mit dem Kurswechsel bei VW

VW-Chef Matthias Müller: "Noch vom Ziel entfernt"

Breites Lächeln und ein wenig bayerische Lockerheit? Die gestattet sich Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller heute nur in minimalen Dosen und nur vor dem offiziellen Beginn seiner Jahrespressekonferenz in Berlin. Als ihn die Fotografen bitten, doch direkt in die Kamera zu sehen, flachst Müller ein wenig herum, zieht auch mal die Mundwinkel nach oben und wirkt wenige Sekunden lang durchaus gelöst.

Doch diese Lockerheit verfliegt sofort, als er dann die trotz Diesel-Krise beeindruckenden Zahlen seines Konzerns im Schnelldurchlauf vorstellt und ausführlich die Elektromobilitätspläne erläutert. Die Dieselkrise, so gibt er zu, sei der "wohl schwerste Rückschlag" gewesen, den Volkswagen je einstecken musste. Wie eine "Achterbahnfahrt" haben sich die vergangenen drei Jahre teils angefühlt, sagt er an einer Stelle. Und bei der Förderung einer neuen Unternehmenskultur - die er sich auf die Fahnen geschrieben hat - sei man "sicherlich noch am weitesten vom Ziel entfernt".

Der Wandel bei Volkswagen Börsen-Chart zeigen , so gibt Müller an mehreren Stellen zu verstehen, brauche in einer großen Organisationen eben seine Zeit. Ausdauer und Entschlossenheit seien notwendig, Rückschläge gehören ebenfalls dazu.

Bei in Zahlen messbaren Zielen ist Volkswagen schon weiter

Weiter ist Volkswagen da bei konkreten, in Zahlen ausdrückbaren Zielen. Etwa bei den Investitionen in Zukunftstechnologien: Bis Ende 2022, so kündigt Müller in Berlin an, wird Volkswagen mehr als 34 Milliarden Euro in Elektromobilität, das autonome Fahren, die Digitalisierung und neue Mobilitätsdienste investieren. Dem allerdings stehen Investitionen von 90 Milliarden Euro in konventionelle Fahrzeuge und Antriebe gegenüber - die der Konzern als Basis für den Wandel braucht.

Dass es der Konzern tatsächlich ernst meint mit seiner Elektro-Offensive, lässt sich noch an einem weiteren Detail ablesen. Der Autohersteller hat sich beim Einkauf von Lithium-Ionen-Zellen erste fixe Lieferverträge im Volumen von 20 Milliarden Euro vereinbart. Rund 50 Milliarden Euro will Volkswagen bis 2025 für den Kauf von Batteriezellen ausgeben.

VW will die fünffache Kapazität von Musks Gigafactory einkaufen

Die Volkswagen-Mannen wollen für ihre geplante Elektroauto-Flotte bis 2025 pro Jahr 150 Gigawattstunden an Zellen einkaufen. Das ist knapp das Fünffache der geplanten Jahreskapazität von Elon Musks Gigafactory in Nevada. Gesichert ist der Einkauf aber, so hört man im Konzern, erstmal bis 2021 oder 2022, über die darüber hinaus gehenden Einkaufsverträge wird noch verhandelt.

Und auch seine weltweit über 100 Werke macht der Konzern fit für den Bau von Elektroautos: Aktuell werden VW-Stromer an drei Standorten weltweit gefertigt, bis Ende 2022 sollen es bereits weltweit 16 Standorte sein.

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Viel sei im Konzern in Bewegung gekommen, macht Müller öffentlich seiner Führungsmannschaft Mut. "Was uns noch vor nicht allzu langer Zeit kaum jemand zugetraut hätte: Der Tanker Volkswagen hat seine Richtung geändert", proklamiert er am Ende seiner Rede. Doch dann holen ihn wieder einmal die Fragen zur Dieselkrise ein, und da schwenkt Müller dann auf altbekannte Kurse.

"Der Tanker Volkswagen hat seine Richtung geändert"

Hardware-Nachrüstungen, um Fahrverbote in Innenstädten abzuwenden, lehnt Müller klar ab. Das sei nicht so leicht wie gerne dargestellt, führt er dazu aus, mit dem einfachen Dranschrauben eines Katalysators sei es nicht getan. Eine solche Nachrüstung "sei wie eine Operation am offenen Herzen", und seinen Kunden wolle er niemals ein "leichtfertiges Angebot" machen. Im übrigen seien zur Verbesserung der Luftqualität schnelle Lösungen gefordert - und in kurzer Zeit seien solche Nachrüstungen eben nicht machbar.

Müller hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 10,1 Millionen Euro bei VW verdient. Und er zeigt sich auch erneut überzeugt davon, dass der Diesel eine Renaissance erleben wird. Schließlich erfülle ein moderner Euro 6d-Diesel schon jetzt die Emissionsnormen des Jahres 2020. Die nächste Diesel-Generation bringe Volkswagen bereits im kommenden Jahr auf den Markt - und schaffe so die technischen Voraussetzungen für eine "Koexistenz der bestehenden Antriebskonzepte", wie es Müller ausdrückt.

Müller fühlt sich von VW-Clan "sehr unterstützt"

Schmallippig wird Müller aber, als er auf seine persönliche Zukunft im Konzern angesprochen wird. Vom Aufsichtsrat der Porsche SE, dem Hauptanteilseigner des Volkswagen-Konzerns, fühlen er und seine Kollegen sich jedenfalls "sehr unterstützt", bekräftigt er auf Nachfrage. Und dass die Unterstützung zuletzt weniger stark gewesen sei, "kann ich in keinster Weise bestätigen". Zuletzt hieß es in einem Agenturbericht, dass Müller der Kulturwandel im Konzern zu langsam vorangehe. Er sei amtsmüde und wolle seinen bis 2020 laufenden Vertrag eventuell nicht erfüllen.

Dazu hatte Müller auf Nachfrage noch zwei kurze Sätze parat. "Mein Vertrag läuft. Und alles, was darüber hinausgeht, müssen sie mit meinen Chefs im Aufsichtsrat besprechen", erklärte er zum Ende der Veranstaltung. Dabei huschte Müller sogar der Hauch eines Lächelns über das Gesicht. Solche Antworten lassen erahnen, wie schwer der vielbeschworene Kurswechsel bei einem Tanker der Volkswagen-Größe fällt.

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