Dienstag, 21. November 2017

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Aktionärskritik verhallt VW und die grausame Macht der 89 Prozent

Übermächtig: Solange die Familien Porsche und Piech sowie Großaktionär Katar hinter ihm stehen, kann VW-Matthias Müller die Kritik der Privatanleger in Ruhe abtropfen lassen. Die Macht bleibt in der Familie

"Der Vorstand hat versagt", "Wir stehen vor einem Trümmerhaufen": Auf der ersten Hauptversammlung seit dem Abgasskandal bekommt die versammelte VW-Führungsriege die Wut ihrer Privataktionäre deutlich zu spüren.

Dabei haben sich Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch und VW-Konzernchef Matthias Müller gleich zu Beginn in Demut geübt. Mehrfach haben sie sich bei den Aktionären entschuldigt für den Skandal, der den Konzern in seinen Grundfesten erschüttert und den Aktienkurs in die Tiefe geschickt hat.

Müller bemühte sich, den Blick nach vorn zu richten: Ein neues Berichts- und Kontrollsystem versprach der VW-Chef, die Emissionstests sollen künftig grundsätzlich von unternehmensfremden, unabhängigen Experten überprüft werden, und außerdem soll es künftig mehr Kostendisziplin und mehr Umsatzrendite geben. Für die Zukunft verspricht Müller zudem mehr Transparenz, mehr Nachhaltigkeit und Wachstum mit neuen Mobilitätsdiensten.

Doch das alles kann die Aktionäre nicht besänftigen, die über die Absetzung von Pötsch als Versammlungsleiter abstimmen lassen. Die Abstimmung scheitert wie erwartet krachend. Ihr Ausgang führt noch einmal deutlich vor Augen, wer bei Volkswagen das Sagen hat: Nicht die Kleinaktionäre, sondern die Familien Porsche und Piëch (52 Prozent der Stimmen) und das Emirat Katar (17 Prozent), die gemeinsam mit dem Land Niedersachsen (20 Prozent) knapp 90 Prozent der Stimmen halten.

Großaktionär Katar und die Familien - das reicht

Die kurze Vorstellungsrede der neu gewählten Aufsichtsrätin Hessa Al-Jaber, eine von zwei Vertretern des Golf-Staates, macht klar: Das Emirat steht geschlossen hinter der aktuellen Volkswagen-Führung und der Marschroute bis 2025. Volkswagen habe das richtige Management an Bord, sagte die Ingenieurin kurz vor der Hauptversammlung. In ihrer Rede klang das dann wörtlich so:. "Ich bin der Überzeugung, dass der Vorstand große Motivation hat, dieses Unternehmen zu verändern".

Das mag auf den Vorstand zutreffen, auf die Eigentümerstrukturen trifft das eindeutig nicht zu. Weiterhin befinden sich die stimmberechtigten Aktien der Volkswagen AG mehrheitlich in der Hand der Familien Porsche und Piëch. Katar hat heute deutlich signalisiert, dass es an seinem Anteil von 17 Prozent der Stammaktien festhalten will. Mit dem Emirat steht denn PS-Familien also ein nibelungentreuer Großaktionär zur Seite.

Vom Bundesland Niedersachsen mit seiner Sperrminorität bei dem Konzern wäre sowieso keine Revolution zu erwarten gewesen. Denn am Riesen-Arbeitgeber Volkswagen hängen zehntausende Arbeitsplätze im Land. Da sind die wirtschaftlichen Abhängigkeiten einfach zu groß, eine Revolution auszurufen.

Also bleiben die Brandreden der Wutaktionäre wirkungslos. Das Kräftemessen mit den Privatanlegern entscheiden die Großaktionäre klar für sich (Lesen Sie hier die Ereignisse der Hauptversammlung im Ticker nach). Im Kern bleibt die Hauptversammlung das, was sie schon lange ist: Das Zusammentreffen einer schrecklich netten Familie, die mit ihren 89 Prozent der Stimmrechte gegen Kritik beinahe immun ist.

Demut zeigen die VW-Manager und Eigentümervertreter - doch mehr auch nicht. Eine Revolution hätte bei dem großen Familienkonzern Volkswagen nur aus den Familien kommen können.

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