Donnerstag, 26. April 2018

Porsche- und VW-Großaktionär Hans-Peter Porsche "Ich wäre viel lieber Tischler geworden"

Hans-Peter Porsche ist Aufsichtsrat und Großaktionär von Porsche und damit auch Volkswagen. Doch die Leidenschaft des Ingenieurs gilt weniger dem größten Autokonzern Europas, sondern seiner Spielzeugsammlung. Ein Gespräch mit unserem Partner-Medium SPIEGEL ONLINE.

Zwar gehört den Familien Porsche und Piëch der Volkswagen-Konzern mehrheitlich. Nur schaffen Sie es nicht, eine Strategie und ein Führungsverständnis für Europas größten Autokonzern zu entwickeln. Einzelne Familienmitglieder scheuen die Verantwortung. Lesen Sie dazu den mm-Report "Ein Clan ohne Plan"

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SPIEGEL ONLINE: Herr Porsche, erinnern Sie sich noch an ihr erstes Spielzeug?

Porsche: Ja, das war ein Steiff-Teddybär, den ich mit zwei Jahren von meinem Bruder erhielt und heute noch habe. Inzwischen ist er etwa 90 Jahre alt. Es gibt eine lustige Geschichte dazu: Ich saß damals in meinem Gitterbett in unserem Haus in Zell am See, wo wir während des Kriegs wohnten. Statt zu schlafen, nahm ich meinen Teddy und wollte zu meinen Brüdern ins Bett. Ich kletterte also auf das große Bauernbett meiner Geschwister und fiel auf der anderen Seite wieder herunter. Mein Bruder schaltete das Licht an, um zu schauen, ob ich verletzt war. Er erzählte mir später, ich habe den Teddy hochgehalten und nur gesagt: "Der arme Bär." (lacht)

Zum Gespräch im Büro seiner Spielzeugsammlung Traumwerk trägt Hans-Peter Porsche eine Krawatte mit Bärchenmotiv. Davon besitzt er mehr als 600 - wie er später erzählt. Während er spricht, gestikuliert er mit seinen Händen.

SPIEGEL ONLINE: Als Sohn von "Ferry" Porsche, der den legendären Porsche 356 konstruierte, hätten wir eher an ein Auto gedacht...

Porsche: Ich erinnere mich gar nicht so genau an mein erstes Spielzeugauto. Vermutlich war das ein Buick, Adler oder VW Käfer von Märklin.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie als Kind etwa kein Interesse an Autos?

Porsche: Natürlich haben wir auch mit Autos gespielt. Einmal hat meine Mutter einen Designpreis ausgerufen. Als Belohnung gab es Schokolade. Wir sind mit unseren Autos in den Garten gelaufen, haben kleine Blumen gesammelt und sie mit Kleber auf den Autos befestigt. Dann sind wir damit ganz stolz vorgefahren, unsere Mutter war Schiedsrichterin und hat die Plätze vergeben. Als Belohnung gab es Schokolade.

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SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre Kindheit und Jugend als Porsche-Erbe empfunden?

Porsche: Ich empfand sie als herrlich, wir lebten in einem wunderschönen Zuhause. Ich ging in Zell am See erst in die Volksschule, später in Stuttgart auf die Waldorfschule am Kräherwald. Wir haben damals noch richtig gespielt, nicht so wie die Kinder von heute. Die tun mir mit ihren Handys und Laptops wirklich leid.

SPIEGEL ONLINE: Womit haben Sie sich beschäftigt?

Porsche: Wir haben am Waldrand Blockhäuser oder Schaukeln gebaut und zu Ostern bemalten wir immer die Eier. Einmal bauten mein ältester Bruder Ferdinand Alexander und ich mit einem Märklin-Baukasten eine Ostereieranmalmaschine. Die Eier, die dort herauskamen, sahen wunderschön aus.

SPIEGEL ONLINE: Werkeln Sie heute immer noch so viel?

Porsche: Ja, vor zwei Jahren habe ich meinen Enkeln eine Krippe gebastelt. Wenn ich in meiner Holzwerkstatt arbeiten kann, bin ich glücklich. Ich habe auch schon ein neues Projekt, eine Kommode mit vielen kleinen Schubladen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es in Ihrer Werkstatt aus?

Porsche: Die sieht eigentlich aus wie ein großer Wohnwagen, den mein Sohn zu einer Bastelstube umgebaut hat. Da habe ich ganz viel Werkzeug zum Tischlern - jedes Werkzeug hat natürlich seinen Platz. Wenn ich in die Werkstatt komme, heize ich den Ofen an, damit es warm wird, stelle das Radio ein und dann geht es los. Da bin ich ein ganz anderer Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich wollten Sie sogar mal Tischler werden. War das als Mitglied der Porsche-Familie nicht möglich?

Porsche: Ich habe es geliebt, mit Holz zu arbeiten. Zum 65. Geburtstag meiner Mutter habe ich für sie einen runden Tisch geschreinert, an dem ich etwa hundert Stunden gearbeitet habe. Doch der Name Porsche verpflichtet. Deshalb bin ich Ingenieur geworden. Nur so, dachte ich, würde ich die Erwartungen meines Vaters erfüllen. Tischler wäre ich natürlich viel lieber geworden.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es mit Ihrer Liebe zum Werkstoff nicht viel naheliegender gewesen, Holz- statt Blechspielzeug zu sammeln?

Porsche: Eigentlich begann meine Sammelleidenschaft ja mit Bierdeckeln (lacht). Danach waren es Streichholzschachten, Cocktail-Rührstäbe und Bären-Krawatten, von denen habe ich inzwischen mehr als 600. Ich weiß, manche Leute sagen, ich habe eine Schraube locker, aber das interessiert mich nicht. Als einziges Spielzeug sammelte ich Eisenbahnen von Märklin. Doch mein Neffe war der Meinung, ich solle mich nicht nur auf ein Spielzeug konzentrieren, sondern viele verschiedene sammeln. Also schaute ich mich auch nach altem Blechspielzeug um, wie ich es aus meiner Kindheit kannte.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie das ganze Spielzeug gefunden?

Porsche: Zu Beginn habe ich noch alles selbst gesucht, in Anzeigen, auf Spielzeugmärkten oder Auktionen. Irgendwann hatte ich dann 450 Umzugskartons voll mit Spielzeug im Keller und auf dem Dachboden stehen. Ich hatte einfach keinen Platz mehr. Daraus entstand dann die Idee zum "Traumwerk". Inzwischen kümmert sich allerdings ein Kurator um die Sammlung. Er sucht auf der ganzen Welt auf Auktionen und in Sammlungen nach neuen Spielzeug-Schätzen.

SPIEGEL ONLINE: Welches ist Ihr persönliches Lieblingsstück in der Ausstellung?

Porsche: Bei der Vielfalt meiner Sammlung kann ich mich schwer für eines entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie der Einzige aus dem Porsche-Clan mit einer solchen Sammelleidenschaft?

Porsche: Nein, mein verstorbener Bruder Ferdinand Alexander, der den Porsche 911 und 904 entworfen hat, sammelte leidenschaftlich gerne Uhren und Messer.

SPIEGEL ONLINE: War Ihre Familie schon im Traumwerk zu Besuch?

Porsche: Selbstverständlich. Bei der großen Eröffnung 2015 war ein Großteil der Familien Porsche und Piëch natürlich dabei. Ich weiß, dass mein Neffe mit seinen beiden Kindern mindestens zweimal im Monat vorbeikommt und sich alles anschaut. Und demnächst findet hier sogar ein Familientreffen statt. Die Familie unterstützt mich und gibt Anregungen, was ich in der Ausstellung noch verbessern könnte. Meinen Bruder Gerhard hole ich regelmäßig ab und zeige ihm die neuesten Stücke. Die Familie steht hinter meinem Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Was hätte Ihr Großvater und Porsche-Gründer Ferdinand Porsche dazu gesagt?

Porsche: Ich hoffe, es hätte ihm gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Porsche: Er war stets überarbeitet und ist deshalb oft überraschend eingeschlafen. Ich erinnere mich da an einen Kinobesuch 1950 in Stuttgart. "Burschen, wir gehen jetzt ins Kino", hat mein Großvater an diesem Tag gesagt. Also kletterten meine Brüder und ich in den VW Käfer, mein Großvater als Beifahrer und unser Fahrer. Im Kino saßen wir in einer eigenen Loge, vorn die Kinder, dahinter mein Großvater, der zu Beginn des Films einschlief. Als wir Kinder ihn am Ende fragten, ob der Film ihm gefallen hat, antwortete er: "Ja, der war sehr schön!"

SPIEGEL ONLINE: Weihnachten steht vor der Tür. Wie verbringen die Porsches die Festtage?

Porsche: Die Familie mit allen Kindern und Enkeln ist mittlerweile so groß, dass es nicht mehr möglich ist, alle gemeinsam an einen Tisch zu bekommen - jeder feiert im Kreis seiner eigenen Familie.

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