Sonntag, 29. Mai 2016

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Tour im Toyota Mirai - der Original-Ticker Der weite Weg zum Wasserstoff

Zweitägigen Härtetest bestanden: Das Wasserstoffauto Toyota Mirai

Ist die Brennstoffzelle der Autoantrieb der Zukunft? Zwei Tage lang sind die mm.de-Redakteure Wilfried Eckl-Dorna und Nils-Viktor Sorge mit dem Wasserstoffauto Toyota Mirai durch Deutschland gefahren. Lesen Sie ihre Erlebnisse und ihr Fazit im Ticker-Protokoll.

Dies ist der Original-Ticker zum zweitägigen Toyota-Mirai-Test von manager-magazin.de. Eine chronologisch sortierte und leicht ausgebesserte Fassung lesen Sie hier.

18:36 Uhr: Das Umfeld für Brennstoffzellen-Autos ist zudem zuletzt schlechter geworden. Seit Jahrzehnten wird Wasserstoff als die Antwort auf teures und immer knapperes Öl betrachtet - unter dem Motto: Irgendwann setzt sich das Gas als neuer Massen-Treibstoff quasi von alleine durch. Doch die Vorzeichen haben sich geändert: Öl ist billig und alles andere als knapp, zudem machen reichweitenstarke Batterie-Elektroautos auf sich aufmerksam, wie unser Vergleich mit dem Tesla Model S gezeigt hat.

Mobilität auf Wasserstoff-Basis muss sich also neu erfinden, bevor sie überhaupt an den Start gekommen ist. Das ist eine echte Herausforderung, insbesondere für Toyota. Doch mit seinem Hybridauto Prius hat Toyota schon einmal langen Atem bewiesen. Und er exzellente Mirai deutet an, dass Toyota das Unmögliche erneut möglich machen kann. Der Kampf um den Langstrecken-Treibstoff der Zukunft ist jedenfalls längst noch nicht entschieden - wir bleiben an dem Thema weiter nahe dran. Vielen Dank fürs Mitlesen und noch einen schönen Abend!

Kampf der Systeme: Toyota setzt bei Zukunftsantrieben auf Wasserstoff und Hybrid, Volkswagen auf Batterie- und Plugin-Hybride. Auch andere Hersteller verfolgen eigene Wege, wie die Übersicht von manager-magazin.de zeigt.

Brennstoffzelle/Wasserstoff

Größtes Plus: Wasserstoff lässt sich aus Wasser und Ökostrom herstellen. Immer wenn viel Strom aus Wind- und Solarkraftwerken eingespeist wird, produzieren die Elektrolyseure Kraftstoff. Mit diesem lässt sich ein Auto schnell betanken, die Reichweite ist groß.

Größtes Minus: Eine Tankstellen-Infrastruktur ist sehr teuer und existiert erst in einzelnen Regionen. Zudem ist der Wirkungsgrad von der Elektrolyse bis zum Auspuff (aus dem Wasser kommt) mit deutlich unter 50 Prozent gering.

Führende Hersteller: Toyota, Hyundai

Batterie-Elektrisch

Größtes Plus: Strom ist praktisch überall vorhanden, Fahrer können ihre Autos zu Hause aufladen. In Ladesäulen kann praktisch jeder investieren, auch Hotels, Supermärkte, und Immobilienentwickler. Auf den Kilometer gerechnet, ist das Fahren mit Strom zudem günstig.

Größtes Minus: Bisher ist es nur im Oberklasse-Segment (Tesla) gelungen, Autos zu einem konkurrenzfähigen Preis (ab 65.000 Euro) und mit einer ordentlichen Reichweite (400 bis 500 Kilometer) anzubieten. Es mangelt zudem an öffentlichen Ladesäulen und Kapazitäten für die Batterieproduktion.

Führender Hersteller: Tesla

Plugin-Hybrid

Größtes Plus: Das beste aus zwei Welten - Fahrer haben die Sicherheit eines Verbrenners und den Fahrspaß eines Elektroautos.

Größtes Minus: Die Autos sind vollgestopft mit teurer Technik. Das kostet Platz und erhöht das Gewicht.

Führende Hersteller: Volkswagen, BMW, Mercedes, Mitsubishi, General Motors

Vollhybrid

Größtes Plus: Geringe Unterhaltskosten und niedriges Schadstoffwerte - und die Technik ist für Hersteller bereits profitabel.

Größtes Minus: Die Autos sind nicht wirklich sparsamer als effiziente Benzin- oder Dieselautos. Das gilt vor allem für schnelle Autobahnfahrten.

Führender Hersteller: Toyota

Erdgas

Größtes Plus: Der Kraftstoff ist reichlich vorhanden, tendenziell günstiger als Benzin und Diesel, und er lässt sich in normalen Verbrennungsmotoren verwenden. Zudem verbrennt Erdgas sauberer, was vor allem in Ballungsräumen zählt.

Größtes Minus: Die Wagen sind seit vielen Jahren am Markt, doch der Absatz kommt trotz Subventionen nicht so recht in Schwung. Liegt es daran, dass das Tankstellennetz auch in Deutschland noch recht weitmaschig ist? Problematisch ist langfristig zudem, dass der CO2-Ausstoß nur etwa 20 Prozent unter dem von Benzinern liegt.

Führende Hersteller: Volkswagen, Fiat

Biokraftstoffe

Größtes Plus: Praktisch keine neue Antriebstechnik nötig, lediglich Umstellung des Brennstoffes auf Biodiesel, Bioethanol oder andere Kraftstoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe.

Größtes Minus: Hoher Flächenverbrauch und damit Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion sowie großer Transportaufwand für die Ausgangsmaterialien. Neue Biokraftstoffe, etwa auf Basis von Algen oder Reststoffen, könnten eine Lösung sein, sind vielfach aber noch sehr teuer in der Herstellung.

Führende Hersteller: Kein großer Hersteller setzt derzeit stark auf Biosprit-Motoren

Autogas (LPG)

Größtes Plus: Billiges Abfallprodukt der Mineralölbranche, verbrennt sauberer als Benzin und Diesel. Kaum Änderungen in der Motorentechnologie nötig.

Größtes Minus: Bietet aufgrund seiner Herstellung keine langfristige Perspektive jenseits von Mineralöl.

Führende Hersteller: Hyundai, Kia

Ultrasparsame Benziner und Dieselfahrzeuge

Größtes Plus: Die Entwicklung läuft auf Hochtouren, Hersteller unterbieten sich permanent mit effizienterer Technik.

Größtes Minus: Der Schadstoffausstoß ist trotz moderner Technik deutlich höher als bei Gas-, Wasserstoff- und Batterie-Elektroautos - mit Verbrennern werden die Autohersteller gesetzliche Emissionsvorgaben langfristig kaum einhalten können.

Führende Hersteller: Enger Wettstreit fast aller großen Hersteller

18:25 Uhr: Die entscheidende Frage bei Brennstoffzellen-Fahrzeugen ist aber noch längst nicht ausreichend beantwortet: Was hat Wasserstoff, was andere Antriebe nicht haben? Mobilität mit Wasserstoff muss mehr sein als nur die Fortsetzung des Verbrenner-Zeitalters mit anderen Mitteln. Der Treibstoff müsste etwa billiger werden - und Tankstellen weitaus höherer Dichte vertreten sein. Dies ist zum Beispiel bei Erdgas gegeben, und trotzdem setzt sich der Treibstoff einfach nicht durch.

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Welcher der genannten alternativen Antriebe hat in zehn Jahren die größte Bedeutung?

Zudem müsste Wasserstoff auch einen echten Mehrwert für das deutsche Energiesystem bieten. Die ersten Ansätze dazu gibt es bereits: Power to Gas-Anlagen produzieren eben nicht nur Treibstoff, sondern stabilisieren auch die Stromnetze. Erste Wasserstoff-Tankstellen stellen Treibstoff per Elektrolyse direkt vor Ort her - und könnten so bald ebenfalls als Abnehmer für überschüssigen Ökostrom dienen.

Scharfe Kanten, schmale Scheinwerfer: Von vorne sieht Toyotas Brennstoffzellenauto Mirai schon ziemlich futuristisch aus. Kein Wunder, bedeutet sein Name doch auf japanisch "Zukunft" ...

... die riesigen Luftöffnungen vorne sehen nicht nur martialisch aus, sie haben auch gute Gründe: Denn die Niedrigtemperatur-Brennstoffzelle im Motorraum wandelt Sauerstoff in elektrische Energie um - und braucht doppelt so viel Kühlluft wie ein konventioneller Antrieb. Denn die Betriebstemperatur des Aggregats darf nicht höher steigen als etwa 80 Grad Celsius.

Selbst von hinten bietet der Mirai noch ein paar Knicke als Anblick. Der hochgezogene Kofferraumdeckel hat aber auch technische Gründe. Denn die beiden Wasserstofftanks des Autos, die 5 Kilogramm Wasserstoff speichern können, befinden sich über der Hinterachse und unterhalb der Rücksitzlehne.

Knapp 4,90 Meter ist das Auto lang, der von der Brennstoffzelle mit Strom versorgte Elektromotor leistet 155 PS. Toyota verlangt 78.540 Euro oder eine Leasingrate von 1219 Euro für den Mirai - diesen Preis können und sollen nur wohlhabende Pioniere zahlen.

Mit 700 bar wird der Wasserstoff in die Tanks des Mirai gepresst - über eine solche Öffnung. Ein Kilogramm Wasserstoff kostet an den 19 derzeit in Deutschland bestehenden Tankstellen einheitlich 9,50 Euro. Auf 100 Kilometer verbraucht der Mirai bei moderater Fahrweise rund 0,7 Kilogramm Wasserstoff - und versacht so Kosten von 6,7 Euro.

Das Tanken selbst ist in drei bis fünf Minuten erledigt und nur unwesentlich komplizierter als Benzinzapfen. Damit unterscheidet sich der Mirai deutlich von herkömmlichen Elektroautos, deren Batterien um ein Vielfaches länger für eine Vollladung brauchen.

Im Inneren fällt der Mirai auch ziemlich futuristisch aus - mit vielen Bildschirmanzeigen. Die sonst üblichen Rundinstrumente hat sich Toyota gespart - und die wichtigsten Anzeigen in der Mitte untergebracht.

Eine Wasser-Taste findet sich wohl sonst in keinem anderen Auto. Im Mirai putzt sie sozusagen den Auspuff durch - sie drückt das Wasser, das sich in den Leitungen angesammelt hat, nach außen.

Von Haus aus ist der Mirai ohnedies genügsam - mit dem Eco-Modus wird er noch etwas sparsamer. Allerdings leidet darunter dann auch die Fahrleistung - die im Normalmodus nicht zu verachten ist: In 9,6 Sekunden kommt das Auto auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 178 km/h.

Das ist das revolutionäre Herz des Mirai: In der Brennstoffzelle verbinden sich Wasserstoff und Sauerstoff in einer chemischen Reaktion. Getrennt sind beide Gase durch eine Membran, die als Elektrolyt fungiert und dafür sorgt, dass die Reaktion geordnet abläuft. Dabei entsteht Strom, der Energie für den E-Motor liefert - und Wärme. Allerdings sind die für die Membran benötigten Materialien noch sehr teuer - so steckt in der Brennstoffzelle etwa das Edelmetall Platin.

Noch ist die Alltagstauglichkeit der Brennstoffzellenautos eher niedrig. In Deutschland gibt es aktuell nur 16 öffentlich zugängliche Tankstellen. Doch auf lange Sicht halten viele Experten Wasserstoff für die beste Alternative zu Benzin und Diesel. Fast alle Autohersteller haben deshalb Brennstoffzellen-Prototypen und Kleinserien-Modelle - diese fahren aber anders als bei Toyota noch in sehr konventionellen Hüllen herum.

18:00 Uhr: Also - wird das was mit dem Wasserstoff? Fahren wir in wenigen Jahren alle Brennstoffzellenautos? Der Mirai ist jedenfalls ein Vorbote dessen, was die Autohersteller technisch bereits können, und fährt sich ebenso tadellos. Ja, es macht richtig Spaß, dahinzugleiten. Allenfalls an der nicht umklappbaren Rückbank merkt man noch, dass Toyota Kompromisse eingehen musste. Er zeigt, dass der größte Autohersteller der Welt bereits heute ein praxistaugliches Wasserstoffauto bauen kann - auch wenn der Preise dafür mit knapp 80.000 Euro noch sportlich bemessen ist.

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17:30 Uhr: 1200 Kilometer haben wir in den letzten zwei Tagen im Mirai abgespult - und dabei erstmals getestet, wie sich ein Brennstoffzellenauto auf der Langstrecke schlägt. Unser Erkenntnisse aus der Runde von Hamburg über Berlin nach Oberfranken und zurück via Düsseldorf in die Hansestadt lesen Sie in Kürze.

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