Mittwoch, 18. Juli 2018

Weniger Automatisierung, weniger Schweißpunkte Mit diesen Kniffen erreichte Tesla sein Model-3-Ziel

Teslas riesiges "Produktionszelt" vor der Fabrik im kalifornischen Fremont
Bloomberg via Getty Images
Teslas riesiges "Produktionszelt" vor der Fabrik im kalifornischen Fremont

Am frühen Sonntagmorgen war es so weit. Zwar rollte der letzte Wagen erst einige Stunden nach der selbst gesetzten Frist vom Band, doch der Elektroauto-Pionier Tesla hat das Produktionsziel für das Model 3 erreicht. In den vergangenen sieben Tagen seien 5031 Fahrzeuge hergestellt worden, teilte der Konzern am Montag mit und bestätigte damit einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuters.

5000 produzierte Model 3 binnen einer Woche hatte sich Konzernchef Elon Musk zum Ziel gesetzt. Dabei war bis zuletzt fraglich gewesen, ob Tesla überhaupt an die Marke heranreichen wird. Noch Anfang Juni wurden nur 3500 Autos pro Woche gebaut, im April lediglich 2270.

Musk streute seinen 40.000 Mitarbeitern verbal Rosen, die nun endlich die mehrfach verschobene Zielmarke erreicht hatten: Er liebe das Tesla-Team, verkündete er via Twitter. In einer E-Mail schrieb er, Tesla sei auf Kurs, 6000 Fahrzeuge pro Woche im kommenden Monat zu schaffen. "Ich denke, wir sind gerade eben zu einem echten Autounternehmen geworden", fügte er hinzu. Noch vor einem halben Jahr bezeichnete Musk selbst die Model 3-Fertigung als "Produktionshölle", aus der Tesla nur mühsam herausfand.

Experten bezweifeln jedoch, ob Tesla 5000 Model 3 pro Woche auch dauerhaft und in guter Qualität produzieren kann. Geradezu manisch waren die Bemühungen gewesen, das Ziel zumindest in der letzten Juni-Woche zu erreichen.

manager-magazin.de berichtete regelmäßig über teils sehr ungewöhnlichen Instrumente, mit denen Tesla die Produktionsprobleme bekämpfte. Eine ausführliche Reportage der New York Times (NYT) zeigt nun weitere Details aus Teslas Kampf gegen die "Produktionshölle" auf.

Für den Artikel besichtigten Reporter die Model 3-Fabrik im kalifornischen Fremont und sprachen mit Tesla-Mitarbeitern. Die Reportage zeigt, wie weit sich Tesla teils von den in der Autoindustrie üblichen Produktionsverfahren entfernte.


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Wohl auch um Investoren zufriedenzustellen, legte sich Tesla bereits im vergangenen Jahr auf klare Produktionsziele für das Model 3 fest - und das lange, bevor die Produktionsstraßen rund liefen. Musk erklärte später, dass er sich wohl zu stark auf den Einsatz von Robotern verlassen hatte. Das zwang Tesla dazu, seinen kompletten Model 3-Produktionsprozess zu überdenken - und zwar, während die Produktion der Modelle bereits lief. Was folgte, waren einige für die Autobranche sehr ungewöhnliche Schritte:

  • An manchen Stellen reduzierte Tesla den Grad der Automatisierung - und das innerhalb kurzer Zeit. So erwiesen sich Roboter etwa als fehleranfällig bei der Verschraubung von Sitzen und der nötigen Verkabelung. Nun übernehmen Menschen diese Aufgaben - die Roboter sind dazu umprogrammiert worden, die Sitze nur an die passende Stelle zu positionieren.
  • Tesla experimentiert auch mit Vereinfachungen, die in einer laufenden Serienproduktion so noch nicht getestet wurden. So sind Tesla-Manager in den vergangenen Wochen zu dem Schluss gelangt, dass sie das Model 3 mit weniger Schweißpunkten als bisher produzieren können, heißt es im dem NYT-Bericht. Nach wie vor wird die Model 3-Karosserie von etwas über 5000 Schweißpunkten zusammengehalten - doch das sind nun 300 weniger als zuvor. Die Schweißroboter wurden entsprechen umprogrammiert. Solche Maßnahmen zur Produktionsvereinfachung gibt es auch bei traditionellen Autoherstellern. Dort werden sie laut Experten allerdings in einer früheren Phase vorgenommen - während der Fertigung von Prototypen in Kleinserie, die Tesla beim Model 3 großteils übersprungen hat.
  • Tesla sucht auch noch an einer anderen Stelle die Grenzen der Produktionstechnologie auszutesten. Zeitweise hat Tesla Produktionsroboter wohl aus der Fertigung abgezogen, um sie in einer Art Produktionslabor mit höheren Geschwindigkeiten zu testen als vom Roboterhersteller vorgesehen. "Wir machen sie kaputt, um das Maximallimit zu ermitteln", zitiert die NYT einen Tesla-Manager. So will Tesla neue Wege zur Beschleunigung der Herstellung finden, ohne Geld für neue Maschinen auszugeben.
  • Der von vorne herein geplante hohe Automatisierungsgrad bei der Fertigung ist in der Autobranche ein eher ungewöhnlicher Vorgang. Klassische Automobilhersteller versuchen üblicherweise, den Produktionsprozess zunächst mit menschlichen Arbeitern zu meistern - und denken dann erst darüber nach, welche Schritte von Robotern übernommen werden können. Tesla machte es genau anders rum - doch laut der New York Times hat das in manchen Bereichen funktioniert. So arbeitet etwa ein Bereich, in dem Batterien und Elektromotoren ins Chassis eingesetzt werden, bei der Model 3-Fertigung vollautomatisch. Bei Teslas teureren Fahrzeugen Model S und Model X sind dafür 17 menschliche Arbeiter notwendig.

Tesla-Chef Elon Musk hat seine Mannschaft in den vergangenen Monaten auch persönlich mächtig unter Druck gesetzt. Musk hat Berichten zufolge regelmäßig - und wohl über Monate - in seiner Fabrik in Fremont übernachtet. Er hat dort kein eigenes Büro, soll aber auf Couches in Büros seiner Mitarbeiter genächtigt haben. Arbeiter an den Produktionslinien haben gegenüber der NYT erklärt, regelmäßig zehn bis zwölf Stunden pro Tag gearbeitet zu haben - und das oft sechs Tage pro Woche. Für seinen Rückzieher von einer hochgradig automatisierten Autoproduktion musste Tesla hunderte Mitarbeiter neu einstellen. Diese sollen mit merklich kürzere Einarbeitungszeiten zurechtkommen müssen, als es in der Autobranche üblich ist.

Und Musk hat sich in den vergangenen Monaten auch persönlich von seiner dunkleren Seite gezeigt, wie das manager magazin in seiner Titelgeschichte "Der Diktator" berichtet. Auch höherrangigen Mitarbeitern verwehrte er Urlaub und nahm viele offenbar sehr hart ran. Das resultierte in einem Aderlass auch bei wichtigen Führungskräften, sein oberster Produktionschef nahm sich etwa eine Auszeit. Für sein Ziel, 5000 Model 3 pro Woche zu bauen, testete Musk also auch die Grenzen seiner Mannschaft aus.

Vielleicht gelingt es Tesla damit aber tatsächlich, die Massenproduktion von Elektroautos tatsächlich einfacher und damit günstiger zu machen als die Konkurrenz. Ob dieser kräftezehrende Kraftakt auf Dauer die Produktivität hochschraubt und der Qualität der Model 3-Fahrzeuge zuträglich ist, werden erst die nächsten Monate zeigen.

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