Dienstag, 17. Juli 2018

Hohe Strafsteuer So geht Schweden gegen Spritschlucker vor

Top-Seller in Schweden: Volvo XC 60

Schweden zieht Konsequenzen aus dem Abgasskandal: Seit Juli müssen Käufer von großen Autos mit durstigem Motor eine üppige Strafsteuer zahlen. Der wichtigste Hersteller des Landes findet das gut.

Schweden ist das Land der weiten Wege - und der dicken Autos. Seit jeher kaufen die Skandinavier Fahrzeuge, die im Schnitt deutlich mehr Kohlendioxid ausstoßen als Wagen in der gesamten EU. Top-Seller 2017 war der stattliche SUV Volvo XC60.

Mit den Exzessen soll bald Schluss sein. Seit Anfang Juli müssen Käufer von Autos mit höherem Verbrauch eine Strafsteuer von bis zu 7500 Euro und mehr zahlen. Besonders betroffen sind Dieselfahrzeuge. Im Gegenzug bekommen Autofahrer, die sich ein sparsames Modell zulegen, eine Prämie von bis zu 6000 Euro.

Ziel ist eine Fahrzeugflotte ohne fossile Brennstoffe

Mit diesem Bonus-Malus-System reagiert die rot-grüne Regierung in Stockholm auch auf den Abgasskandal und setzt einen Teil ihrer Klimaschutzstrategie um. Bis 2030 sollen im Verkehrssektor 70 Prozent weniger Kohlendioxid anfallen als 2010. Bis 2045 will Schweden netto gar keine Treibhausgase mehr ausstoßen.

Für die Autoindustrie ist die Regelung eine weitere einschneidende Maßnahme mit der ein Gesetzgeber in Europa derzeit die schlechte Umweltbilanz des Autoverkehrs verbessern will. Aufgeschreckt vom Abgasskandal, führte die EU strengere Messungen ein, auch den CO2-Ausstoß will Brüssel weiter reduzieren.

Den Schweden geht das allerdings nicht weit genug, obwohl in dem Land schon relativ viele Elektroautos unterwegs sind. "Das Bonus-Malus-System soll den Anteil grüner Autos erhöhen und uns dem Ziel einer Fahrzeugflotte näherbringen, die ohne fossile Brennstoffe auskommt", begründet die Regierung den Vorstoß.

Hersteller sparsamer Dieselautos sind die großen Verlierer

Besonders hoch belastet der Staat nun Käufer von durstigen Dieselautos. Fahrer eines Selbstzünders zahlen deutlich mehr Steuern als Fahrer eines Benziners mit einem identischen CO2-Ausstoß.

Für einen Diesel-Pick-up des Typs Toyota Hilux (CO2-Ausstoß pro Kilometer: 204 Gramm) werden umgerechnet gut 4000 Euro fällig - zahlbar als erhöhte Kfz-Steuer in den ersten drei Jahren. Danach beträgt die Steuer noch 525 Euro pro Jahr. Dagegen fallen für einen kleinen Skoda Fabia (Benzin) in den ersten drei Jahren insgesamt knapp 250 Euro an und danach nur noch 35 Euro im Jahr.

Drastisch fällt die neue Zwangsabgabe auch bei hochgezüchteten Wagen aus. So kassieren die Behörden bei einem Bentley Mulsanne (Benzin, 342 Gramm CO2) insgesamt 7500 Euro in den ersten drei Jahren ab. Bei Autos mit höherem CO2-Ausstoß werden noch größere Summen fällig.

Wichtig für die Industrie: Auch sparsame Dieselautos werden nun besteuert, nachdem sie zuvor befreit waren. So müssen Besitzer eines Volvo V90 D3 (116 Gramm CO2) künftig in den ersten drei Jahren zusammen 1100 Euro, danach 220 Euro im Jahr zahlen. Wer einen Benzin-Audi A4 mit etwa gleich hohem CO2-Ausstoß fährt, zahlt zunächst nur knapp die Hälfte, ab dem vierten Jahr nur ein Viertel der Steuern.

Frankreich ist Vorreiter bei Bonus-Malus-Systemen

Ganz neu ist das schwedische System aus Zuckerbrot und Peitsche nicht. Frankreich hat vor mehr als zehn Jahren Kaufsteuern auf Spritschlucker eingeführt und auf bis zu 10.500 Euro erhöht. Mit den Einnahmen finanziert Paris Gutschriften in Höhe von bis zu 10.000 Euro für Käufer emissionsfreier Fahrzeuge.

Die deutsche Autoindustrie bekämpft derartige Regelungen erbittert - zählen leistungsstarke Limousinen und SUVs nach wie vor zu ihren wichtigsten Gewinnbringern. In der Heimat ist ein Bonus-Malus-System daher absolut tabu.

Hinter der französischen Strafabgabe wähnte der Verband der Automobilindustrie (VDA) einen Komplott. "Das ist keine Umweltmaßnahme, sondern soll die eigene, auf bestimmten Märkten schwächelnde Autoindustrie schützen", sagte der damalige VDA-Chef Matthias Wissmann. Zur schwedischen Strafsteuer äußerte sich der Verband auf Anfrage nicht.

Volvo begrüßt die Regel

Schwedens führender Autobauer Volvo sieht die Sache etwas anders. "Wir begrüßen klare und faire Regeln, die es den Herstellern ermöglichen, sich in eine nachhaltige Zukunft zu bewegen", teilte das Unternehmen mit Blick auf die neuen Regeln in Schweden mit. Das neue System betreffe alle Hersteller gleich und liefere einen Anreiz, emissionsarme Fahrzeuge zu bauen. Hingegen hatte sich der schwedische Automobilverband anfangs kritisch zu dem Plan geäußert.

Volvo hat zuletzt mehrere Bekenntnisse für den Umstieg auf Elektroautos und den Abschied vom Diesel abgegeben. So kündigte der Hersteller an, ab 2019 keine Autos mit klassischem Verbrennungsmotor mehr zu bauen. Dabei trugen die Schweden allerdings etwas dick auf. Weiter vorgesehen sind nämlich Mild-Hybride, bei denen es sich um eine nur kosmetisch veränderte Verbrennertechnik handelt.

Ansturm auf Verbrennerautos in letzter Minute

Andere Hersteller in Europa, den USA und Asien setzen zumindest rhetorisch noch auf profitable, klassische Verbrennungsmotoren. "Der BMW-Diesel hat Zukunft", sagte der Chef des Münchner Autobauers, Harald Krüger, im Februar. Auch Daimler-Chef Dieter Zetsche betont gern die Vorzüge großer Otto- und Dieselmotoren.

Dass er damit noch den Nerv vieler Autokäufer trifft, zeigte sich in Schweden im Juni. Kurz vor dem Start der Strafsteuer griffen viele Fahrer noch einmal bei der alten Technik zu. Die Zulassungen sprangen um 73 Prozent nach oben. Ganz weit vorn in der Statistik: Viele große, klassische Volvos und SUVs verschiedener Hersteller.

Mitarbeit: Richard Holtz

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