Donnerstag, 22. November 2018

Berater-Szenarien für autonom fahrende Taxen So könnten Robotertaxis Münchens Verkehrschaos lindern

Vollautonom fahrendes Mercedes-Forschungsauto F 015: So könnten die Robotertaxis der Zukunft einst aussehen

Es ist eine verheißungsvolle neue Welt, die eine Studie des Beratungsunternehmens Berylls Strategy Advisors zeichnet: Das Verkehrschaos in Innenstädten - gelöst. Die minutenlange Parkplatzsuche - unnötig. Und das für nur 99 Euro pro Monat je Nutzer, also weit unter den Betriebskosten eines herkömmlichen Pkws liegen.

Das legen die Erkenntnisse nahe, die Berylls aus einer umfassenden Simulation von Verkehrsströmen im Großraum München gewonnen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Die von den Autoren erwähnten Robotertaxis, die fahrerlos ihren Weg durch den Stadtverkehr finden, gibt es so noch nicht mal in Ansätzen - und sie dürften auch erst in Jahrzehnten auf den Markt kommen. Denn noch fahren die Roboter-Testwagen von Google, Daimler oder Uber nicht gerade pannenfrei durch Städte.

Doch immerhin zeigt die Studie mit dem etwas sperrigen Titel "Simulation einer urbanen Mobilitätslösung basierend auf autonom fahrenden E-Robotaxen in München" auf, welche entspannte Zukunft Städtern bevorstehen könnte.

Denn die Studie beruht auf aktuellen Daten und ist in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern entstanden. So flossen in die Studie langjährig aufgebaute Simulationen der Technischen Universität München ein - etwa zum Aufbau einer Ladeinfrastruktur. Die Stadt München stellte für die Untersuchung "realitätsnahe Nachfragedaten" aus einem Verkehrsmodell zur Verfügung.

150 Kilometer Batteriereichweite langt für Robotertaxen

Die Experten von Berylls haben anhand dieser Daten untersucht, wie sich der Einsatz völlig autonom fahrender Autos auf den Münchner Innenstadtverkehr auswirken würde. Dabei unterstellten sie den massenhaften Einsatz von zweisitzigen Robotertaxis, die ausschließlich elektrisch fahren.

Deren Leistungsdaten sind alles andere als spektakulär: Mit vollgeladener Batterie kommen die Fahrzeuge 150 Kilometer weit, sie lassen sich in weniger als 30 Minuten komplett aufladen. All dies ließe sich - bis auf den vollautonomen Fahrbetrieb - durchaus mit heute verfügbarer Technologie bewerkstelligen.

Rund 18.000 solcher Robotaxen, haben die Berylls-Experten errechnet, könnten dabei dieselbe Personenanzahl befördern wie 200.000 private Pkw. Die von den Beratern durchgerechneten Szenarien berücksichtigen dabei auch den Pendlerverkehr. Sie nehmen, dass Pendler aus dem Umland in einem von fünf "Mobilitätshubs" an den Außengrenzen der Innenstadt, also an heutigen Park-and-Ride-Parkplätzen, in die vollautonom fahrenden Taxen umsteigen.

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Auch dadurch liegt die Auslastung der selbst fahrenden Autos um ein vielfaches höher als jene von herkömmlichen Pkws im Privatbesitz. Die Robotertaxen wären laut der Studie pro Tag zu 50 Prozent ausgelastet, also besetzt. Privat genutzte Pkw kommen hingegen im Schnitt nur auf eine Auslastung von 5 Prozent - sie werden pro Tag gerade mal 1:12 Stunden bewegt.

Zudem lässt sich - mit einer intelligenten Steuerung des Verkehrssystems - auch der innerstädtische Parksuchverkehr "praktisch eliminieren", meinen die Studienautoren. Derzeit entfällt auf die Parkplatzsuche in München rund 30 Prozent der gesamten Verkehrsbelastung. Laut der Simulation würden jedes der 18.000 Robotertaxi im Schnitt mit 33 Fahrten je 211 Kilometer zurücklegen.

Machbar mit einer 99-Euro-Monatsflatrate

Die hohe Auslastung schlüge sich in günstigen Mobilitätskosten nieder: Berylls rechnet nicht nur mit nur durchschnittlich 3 Minuten Wartezeit auf ein Fahrzeug. Mit 0,16 Euro je Kilometer Fahrt wäre das Ganze in etwa auf dem Kostenniveau des heutigen öffentlichen Nahverkehrs. Und die ausschließliche Nutzung von Robo-Taxen wäre deutlich günstiger als Fahrten im Privat-Pkw. Denn Vielfahrer bezahlen heute im Schnitt rund 30 Cent pro Kilometer, wenn Kraftstoffkosten, Wartung und Wertverlust der Pkws eingerechnet werden.

Letztlich könnten Pendler und Citybewohner diese neue Art der Stadtmobilität für eine monatliche Flatrate von nur 99 Euro nützen, haben die Berater errechnet. Das wäre wohl auch ein durchaus attraktiver Preis für die Generation Smartphone.

Eine "zeitliche Verkürzung auf dem Weg zur rein autonomen E-Mobilität" sei möglich, urteilen die Experten. Doch eine Warnung enthält die Studie auch: Auch der automatisierte Verkehr wird wohl kaum alle Stauprobleme lösen können. In Robotertaxis lasse sich aber die Wartezeit immerhin sinnvoll nutzen, argumentieren die Experten.

Dumm nur, dass diese wohl noch lange bis zur Marktreife brauchen. Denn Autos, die sich rein computergestützt durch den Stadtverkehr bewegen, müssten den Großstadtdschungel unfallfrei bewältigen. Dazu müssen sie nicht nur erratische menschliche Verhaltensweisen verlässlich voraussagen können. Sie müssen auch Tiere und abbiegende Radfahrer fehlerfrei erkennen, Verkehrshindernissen wie in zweiter Spur parkenden Liefer-Lkws ausweichen - oder menschliches Hupen richtig interpretieren. Und davon sind selbst die fortschrittlichsten Forschungsfahrzeuge der Autohersteller noch weit entfernt, wie selbst manche Autohersteller zugeben.

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