Donnerstag, 14. Dezember 2017

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Stickoxid-Ausstoß bei Euro 6-Diesel im Alltag hoch Auch neue Diesel sind dreckig - jetzt steigt Druck auf Dobrindt

Abgasmessung: Laut einer Studie stoßen moderne Dieselmotoren mehr Stickoxid aus als bislang angenommen

Dieselmotoren sind wichtig für die Einhaltung der CO2-Flottenziele der EU, tönt die Autobranche gerne. Doch allzu große Änderungen an ihren Selbstzünder-Aggregaten haben die Autokonzerne offenbar nicht vorgenommen nach dem Ausbruch des Abgasskandals - zumindest, was die Schadstoffbelastung durch schädliche Stickoxide betrifft.

Das legen Messungen des Umweltbundesamtes (UBA) nahe. Neue Zahlen der obersten deutschen Umweltbehörde zeigen: Auch was bei neuen Diesel-Modellen aus dem Auspuff kommt, hat wenig mit dem zu tun, was auf dem Papier steht. Euro-6-Diesel, die der jüngsten Abgasnorm entsprechen, stoßen laut den Messungen viel mehr Stickoxide aus, als sie sollten. Der Labor-Grenzwert liegt bei 80 Milligramm pro Kilometer, im Alltag sind es aber 507 - mehr als sechs Mal so viel. Am schmutzigsten sind Euro-5-Diesel mit einem NOx-Ausstoß von 906 Milligramm, dem Fünffachen des Grenzwerts von 180 Milligramm.

Euro-4-Diesel, für die ein Grenzwert von 250 Milligramm gilt, blasen 674 Milligramm Stickoxid pro Kilometer in die Luft. "Der Stickoxid-Ausstoß in Deutschland liegt damit um ein Drittel höher als angenommen", sagt UBA-Chefin Maria Krautzberger. Die Lufttemperatur habe einen größeren Einfluss auf die Werte als gedacht.

Wegen überraschend hoher Stickoxid-Werte auch bei modernen Diesel-Autos macht Bundesumweltministerin Barbara Hendricks nun Druck auf die Autobranche. Die Anbieter sollten ihre Pkw auf eigene Kosten nachrüsten und so die Emissionen um mindestens die Hälfte senken, forderte die SPD-Politikerin am Dienstag in Berlin: "Die Lösungen müssen von den Herstellern kommen."

Und Hendricks setzte dabei auch gleich Verkehrsminister Alexander Dobrindt unter Druck: "Ich erwarte, dass der Bundesverkehrsminister die Hersteller stärker in die Pflicht nimmt", forderte sie heute von ihrem CSU-Kollegen.

"Bis jetzt wurde nichts für eine tiefgreifende Verbesserung getan"

Zudem, fordert Hendricks, müssten die ab Herbst geltenden neuen Tests bei Zulassungen auch unabhängig überwacht werden. Dobrindt will die Typenzulassung weiter in nationaler Hand belassen und lehnt eine Behördenkontrolle durch die EU ab, wie aus einem Schreiben an die EU-Ratspräsidentschaft hervorgeht. Das Ministerium reagierte auf Anfragen nicht.

Die Messungen des Umweltbundesamtes bei Dieselfahrzeugen ergaben, dass Diesel auch der neuen Euro-6-Norm die Stickoxid-(NOx-)Grenzwerte teils um das Sechsfache übertrafen. Sei man bislang beim NOx-Ausstoß von einem Flottenschnitt von 575 Milligramm je Kilometer ausgegangen, liege dieser nun tatsächlich bei 767 Milligramm.

Der Anteil der Diesel an der NOx-Belastung der Luft liege damit höher als gedacht. Andere Messungen der Deutschen Umwelthilfe und des Verkehrsministeriums hatte eine ähnliche Tendenz gezeigt. Hauptgrund ist, dass sich Abgasreinigungen bei bestimmten Temperaturen angeblich zum Motorschutz abschalten, was als legal gilt.

Hendricks verlangte dennoch, die Hersteller müssten die bestehenden Diesel auf ihre Kosten nachrüsten. "Die Werte müssen runter." Verkehrsminister Dobrindt müsse mehr Druck machen. "Es ist bis jetzt nichts für eine tiefgreifende Verbesserung getan worden."

Verkehrsministerium sperrt sich gegen unabhängigere Tests

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Ab Herbst diesen Jahres soll es nach EU-Standards Abgastests unter realistischen Fahrbedingungen geben. Gerungen wird aber auch innerhalb der Bundesregierung darum, wie die Tests umgesetzt, bezahlt und kontrolliert werden. Zurzeit bezahlen die Hersteller beispielsweise den TÜV dafür, was die Frage der Unabhängigkeit der Tester aufwarf. Das Verkehrsministerium lehnt allerdings reguläre, direkte Tests durch das Kraftfahrtbundesamt als auch eine Finanzierung über Gebühren ab. Stattdessen solle ein zweiter technischer Dienst stichprobenhaft die Ergebnisse überprüfen.

Hendricks kündigte eine harte Haltung an: "Ich werde keiner Positionierung Deutschlands zustimmen, die nicht wirksam die Einhaltung von Umweltstandards bie den Typgenehmigungen und späteren Marktüberwachungen sicherstellt."

Linke und Grüne warfen Dobrindt vor, die Autoindustrie zu unterstützen und bei schärferen Kontrollen auf der Bremse zu stehen. Der Verband der Automobilindustrie erklärte, die Messungen des Umweltamtes hätten nichts Neues ergeben. Die neuen Tests ab Herbst und neue Technologien würden die Grenzwert-Überschreitungen verringern.

wed/rtr/dpa

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