Mittwoch, 23. Januar 2019

Falsche Herstellerangaben Neuwagen schlucken 39 Prozent mehr als angegeben

Hersteller-Ranking: Mehrverbrauch von bis zu 48 Prozent
Audi

Trotz aller Debatten über den Abgasskandal: Autos verbrauchen im Straßenverkehr deutlich mehr Sprit, als die Hersteller angeben. Eine Studie zeigt, dass die berechnete CO2-Reduktion damit weit verfehlt wird.

Ein durchschnittlicher Neuwagen hat 2017 im Schnitt 39 Prozent mehr Sprit verbraucht als offiziell angegeben. Das geht aus einer Studie der Umweltorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT) hervor, in der Daten von knapp 1,3 Millionen Pkw aus acht europäischen Ländern verglichen wurden.

Damit ist die Abweichung zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Vergleich zu 2016 nur um einen Prozentpunkt gesunken - trotz aller Diskussionen und Konsequenzen zum Abgasskandal. Die Daten für 2018 können die Experten erst Mitte dieses Jahres auswerten. Bei dem geht es vor allem um Schummeleien der Hersteller bei Stickoxiden, aber auch beim CO2-Ausstoß und somit dem Spritverbrauch.

Das ICCT wertet seit 2012 Daten zum Kraftstoffverbrauch von Neuwagen aus. Untersucht hat das ICCT aber auch ältere Daten. Demnach hatten Neufahrzeuge 2001 nur acht Prozent mehr verbraucht als offiziell angegeben. Die Mehrkosten für Sprit betrugen 2017 für Autofahrer im Schnitt rund 400 Euro.

Strafen für unrealistische Angaben gefordert

Die Abweichungen laufen auch dem Bemühen entgegen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Laut ICCT wurde dadurch nur knapp die Hälfte der auf dem Papier erbrachten CO2-Reduktionen seit dem Jahr 2001 tatsächlich erreicht. Der Geschäftsführer des ICCT in Europa, Peter Mock, forderte deshalb Strafen für Hersteller, die sich mit unrealistisch niedrigen Verbrauchsangaben einen Vorteil verschaffen wollen. "Nur so kann es gelingen, die Abweichung zwischen offiziellen und realen Werten in den kommenden Jahren endlich wieder deutlich abzusenken."

Für die Untersuchung wurden Daten von 15 verschiedenen Quellen herangezogen. Darunter sind Webseiten wie Spritmonitor.de, Leasingfirmen wie LeasePlan und Travelcard, Automagazine wie die "Autobild". Ausgewertet wurde ebenfalls eine groß angelegte Umfrage der Bundesregierung zum Mobilitätsverhalten der Bevölkerung, das Mobilitätspanel.

Der angegebene Kraftstoffverbrauch von Pkw wird unter einheitlichen Bedingungen in Testlabors ermittelt. Seit September 2018 gilt für alle Neuwagen allerdings das neue Testverfahren WLTP, das für realistischere Werte sorgen soll. Für neue Fahrzeugtypen ist es schon seit September 2017 in Kraft. Das Verfahren berücksichtigt verschiedene Situationen und Geschwindigkeiten im Straßenverkehr, aber auch verschiedene Arten der Ausstattung und Gewichtsklassen.

Darauf verwies auch der Verband der Automobilindustrie (VDA): Die Erkenntnisse der ICCT-Berichte zu dem Thema seien stets die gleichen. Der alte Labortest bilde die heutige Realität der Modelle und des Straßenverkehrs nicht mehr adäquat ab. Zudem unterschieden sich Emissionswerte von Fahrzeugen im Labor und auf der Straße grundsätzlich, weil im Labor Bedingungen wie Wetter, Verkehrslage oder Gelände nicht einbezogen werden könnten. Auch die individuelle Fahrweise habe erheblichen Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch. Das neue Messverfahren stelle Verbrauch und CO2-Werte realistischer dar und bringe den Kunden damit mehr Sicherheit.

"Gesetzgeber hat aus früheren Fehlern gelernt"

Die ICCT-Forscher vermuten für den Rückgang der Werte zwischen dem offiziellen und realen Verbrauch ein verstärktes öffentliches Interesse an den Abgaswerten in Folge des Diesel-Skandals. Sie hatten durch ihre Untersuchungen die Abgas-Affäre bei VW mit aufgedeckt. Dabei ging es um den Ausstoß gesundheitsschädlicher Stickoxide (NOx), der ebenfalls oft viel höher liegt als in den Papieren angegeben.

Der Kraftstoffverbrauch hängt direkt mit dem Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) zusammen. Die Klimaschutzvorgaben sollen in der EU deutlich verschärft werden. Bis 2030 soll die Autobranche nach einer Vorentscheidung von EU-Staaten, EU-Kommission und Europaparlament die CO2-Emissionen von Neuwagen im Schnitt um 37,5 Prozent senken. Ausgangsbasis sind die Vorgaben für 2021, also 95 Gramm CO2 pro Kilometer im Durchschnitt der jeweiligen Flotte. Die Regeln sollen helfen, Klimaschutzziele zu erreichen. Die Autobranche hatte die neuen Vorgaben als zu scharf kritisiert.

"Der Gesetzgeber hat aus früheren Fehlern gelernt", erklärte ICCT-Europa-Chef Peter Mock. Er verwies darauf, dass Hersteller ab 2021 verpflichtet werden sollen, den realen Verbrauch sowie die realen CO2-Emissionen mittels Verbrauchsmessgeräten zu protokollieren. Die EU-Kommission solle eine Methode entwickeln, um Hersteller, die sich durch unrealistisch niedrige Angaben einen Vorteil verschaffen wollten, zu bestrafen, forderte Mock. "Nur so kann es gelingen, die Abweichung zwischen offiziellen und realen Werten in den kommenden Jahren endlich wieder deutlich abzusenken."

ene, Spiegel Online/dpa

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