Montag, 19. November 2018

Fahren statt treten Tretroller-Start-up Lime versucht sich am Carsharing

Elektro-Tretroller des US-Start-ups Lime

Schnell möglichst viele Nischen besetzen: An dieses Motto hält sich das gerade mal eineinhalb Jahre alte US-Start-up Lime offenbar gründlich. Der Mobilitätsdienstanbieter startete mit dem Kurzzeit-Verleih von Elektro-Tretrollern via App, seit einiger Zeit können Lime-Nutzer auch Fahrräder über ihr Smartphone finden und leihen.

In Dutzenden US-Städten ist Lime mit seinen Tretrollern bereits vertreten, seit einigen Monaten in wenigen europäischen Großstädten wie Paris oder Wien. Zur schnellen Expansion von Lime trug bisher bei, dass Elektro-Tretroller und Fahrräder in der Anschaffung vergleichsweise günstig sind - und das Unternehmen reichlich Geld zur Verfügung hat: Die jüngste Finanzierungsrunde brachte Lime satte 335 Millionen Dollar ein, zu den Geldgebern zählten Google, Fidelity und der Fahrdienst-Anbieter Uber.


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Nun wagt sich Lime in ein Geschäft vor, das deutlich höhere Anlaufkosten mit sich bringt: Das in den USA gehypte Start-up will sich auch im klassischen Carsharing-Geschäft beweisen, wie das Onlinemedium "The Information" berichtet - und ein Pilotprojekt zur Kurzzeit-Autovermietung in Seattle starten.

Laut "The Information" will Lime mit einer Flotte von 500 kleineren Fahrzeugen loslegen, die von Fiat Chrysler produziert werden. Andere US-Medien wollen erfahren haben, dass Lime nur Elektroautos zum Carsharing anbieten will, darunter auch Kleinstfahrzeuge wie der Renault Twizy. Verleihstationen wird es - wie bei den Lime-Tretrollern - dabei keine geben, die Autos sollen frei im Stadtgebiet verfügbar sein und per App aufgeschlossen und versperrt werden können.

Offizielle Ansagen, wann Lime mit seinem Carsharing-Angebot loslegt, gibt es noch nicht. Doch laut US-Medien hat sich Lime im Oktober bei der Stadt Seattle um eine Carsharing-Lizenz beworben, was einen baldigen Start nahelegt.

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Bild: manager magazin

Damit setzt Lime auf ein Geschäftsmodell, das Daimlers Carsharing-Angebot Car2Go oder BMWs Pendant DriveNow schon seit Jahren vorexerzieren. Beide sind damit auch in Seattle am Start, Lime muss sich also auf Konkurrenz einstellen. Als geplante Kosten bei Lime werden 1 Dollar Grundpreis je Fahrt und rund 40 Cent pro Fahrminute kolportiert. Damit wäre Lime auf Augenhöhe mit den deutschen Wettbewerbern - aber sicherlich kein Preisbrecher.

Ein Problem dürfte den Lime-Investoren allerdings bald Kopfzerbrechen bereiten: Richtig lukrativ sind die Aussichten bei dem von ihnen getesteten Carsharing-Modell nicht. Ein Tretroller soll Lime rund 500 Dollar Einkaufspreis kosten, Gewinne schreibt Lime dabei angeblich schon ab der vierten durchschnittlichen Rollerfahrt pro Tag. Bei um ein vielfaches teureren Pkws ist die Fahrt in die Gewinnzone deutlich schwieriger. Bisher schreiben auch die großen Anbieter nur in einzelnen Städten magere Gewinne, insgesamt rechnen sich die Angebote noch kaum. Auch deshalb legen Daimler und BMW nun ihre Carsharing-Angebote zusammen.

Aber Lime geht es bei seinem Pilotprojekt wohl eher darum, seine Palette an Mobilitätsdiensten auszuweiten. Wie Carsharing dann mit dem Scooter-oder Fahrradverleih zusammenspielen soll, lässt sich noch kaum erkennen - zumal die Seattle Lime die Scooter-Vermietung in der Stadt untersagt hat.

Doch zahlreiche, mit Milliarden Dollar bewertete US-Mobilitätsanbieter versuchen sich an ähnlichen Ausbreitungs-Taktiken: Der US-Carsharingdienst Zipcar macht nun ebenso in Leihfahrrädern wie der Fahrdienst Uber, der dafür den E-Bike-Verleiher Jump Bikes aufgekauft hat. Und Ubers Konkurrent Lyft hat sich im Sommer den größten US-Bikesharing-Anbieter Motivate einverleibt.

Das macht Lime den Aufbau des Fahrradverleih-Geschäfts nicht gerade einfacher. Das Start-up ist wohl nun dringend auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern - ob das US-Unternehmen nun ausgerechnet den schwierigen Carsharing-Markt umkrempelt, ist jedoch noch sehr ungewiss.

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