Dienstag, 23. Oktober 2018

Waymo bekommt gewaltige Elektro-Flotte Jaguar will mit Google zum Roboterauto-Riesen werden

Elektroantrieb samt Lidar-Sensor auf dem Dach: So soll der Jaguar I-Pace als Waymo-Roboterauto vorfahren
Jaguar Land Rover
Elektroantrieb samt Lidar-Sensor auf dem Dach: So soll der Jaguar I-Pace als Waymo-Roboterauto vorfahren

Der Umfang ist ehrgeizig, der Zeitpunkt für die Bekanntgabe pikant: Mitten in der Diskussion um die Sicherheit von selbstfahrenden Fahrzeugen gibt Jaguar Land Rover (JLR) einen großen Roboterauto-Deal bekannt. Der britisch-indische Automobilhersteller kooperiert mit der Google-Tochter Waymo bei selbstfahrenden Autos. JLR wird den Kaliforniern tausende Jaguar I-Pace Elektroautos liefern, die mit Waymos Selbstfahr-Technik ausgestattet werden. Sie sollen in Waymos fahrerlosen Taxidiensten zum Einsatz kommen, die noch in diesem Jahr starten sollen. Das verkündeten JLR und Waymo heute.

In den kommenden zwei Jahren werde JLR Waymo bis zu 20.000 Jaguar I-Pace Elektro-SUVs liefern. Sie sollen mit Waymos "heute schon produktionsreifer Technik für autonomes Fahren" ausgestattet werden, heißt es in einer Mitteilung. Bei der Entwicklung und Konstruktion selbstfahrender I-Pace werden beide Unternehmen zusammenarbeiten. Noch in diesem Jahr werden die ersten I-Pace-Roboterautos in den Testbetrieb gehen, beide Unternehmen wollen aber auch langfristig kooperieren.

Eingesetzt werden die I-Pace-Roboterautos bei Waymos fahrerlosem Taxidienst, den die Google-Tochter noch in diesem Jahr starten will. Aktuell testet Waymo seinen Robotertaxi-Dienst vor allem in einem Vorort von Phoenix, Arizona. Seit einigen Monaten verzichtet Waymo dabei auf menschliche Kontrollfahrer an Bord.

Von der Sicherheit seiner Technologie ist der Konzern auch nach dem tödlichen Roboterauto-Unfall des Konkurrenten Uber überzeugt. Waymos Wagen hätten die tödlich verunglückte Fußgängerin erkannt und entsprechend reagiert, meinte Waymo-ChefJohn Krafcik vor kurzem. "Wir sind sehr sicher, dass unsere Technologie robust und in der Lage wäre, mit einer solchen Situation fertig zu werden", so Krafcik.

JLR bekommt so die größte Roboterauto-Flotte der Autobranche

Bislang stammen die Fahrzeuge für Waymos Roboterauto-Testflotte von Fiat Chrysler Automobiles (FCA), sie werden allerdings mit Verbrennungsmotoren betrieben. Wie groß die eingesetzte Roboterauto-Testflotte ist, gab Waymo bislang nicht bekannt. Doch bis Ende 2017 hat FCA hat wohl 600 Chrysler Pacifica-Minivans an Waymo geliefert. Erst Ende Januar erklärte der Autohersteller, den Kaliforniern noch tausende weitere Pacifica-Fahrzeuge liefern zu wollen. Bislang haben die Roboterwagen insgesamt 5 Millionen Meilen im öffentlichen Straßenverkehr absolviert, wie Waymo vor kurzem in einem Blogeintrag bekanntgab - und diese mit im Schnitt weniger menschlichen Eingriffen als bei der Konkurrenz.

Ob Waymos Liefervereinbarungen mit FCA weiter bestehen bleiben, geht aus der JLR-Pressemitteilung nicht hervor. Doch die Zusammenarbeit mit Jaguar dürfte Anmutung und Image von Waymos Fahrdienst deutlich anheben. Anders als der eher bodenständige ChryslerMinivan ist Jaguars I-Pace ein Luxusfahrzeug, das dank seines Elektroantriebs lokal emissionsfrei fährt.

Für JLR bietet der Waymo-Deal die Chance, in kurzer Zeit große Schritte in Richtung autonomes Fahren zu machen. Wenn Jaguar bis 2020 gut 20.000 Elektro-SUVs an Waymo liefert, werden die Briten die größte Roboterauto-Flotte traditioneller Autohersteller im Einsatz haben. Aus den Fahrdienst-Daten dürften die Briten wertvolle Erkenntnisse für bessere Assistenzsysteme und das autonome Fahren ableiten können.

Für Briten wäre ein Alleingang auch schlicht zu teuer

JLR gehört zum indischen Tata-Konglomerat, gilt aber mit zuletzt 610.000 verkauften Fahrzeugen international als kleinerer Autohersteller. Jaguar Land Rover fehlen wohl auch finanzielle Ressourcen, um im Wettrennen um das autonome Fahrzeug der Zukunft vorne mitzuspielen. Im Alleingang ist das für JLR nicht zu schaffen, wie eine Stellungnahme von JLR-Chef Ralf Speth andeutet. Man arbeite mit Leidenschaft daran, intelligente Mobilität voranzutreiben, so Speth. Doch "dafür benötigen wir langfristige Partner mit entsprechender Expertise".

Diesen meint JLR nun in Waymo gefunden zu haben. Der Deal zeigt auch, wie Waymo seine Strategie anpasst. Noch vor einigen Jahren erwogen die Chefs von Googles Roboterauto-Projekt, dem Vorläufer von Waymo, den Bau eigener Fahrzeuge nach ihren Vorgaben. Bei ihrer Suche nach einem Produktionspartner in der Autoindustrie blitzten sie jedoch ab. Denn die traditionellen Autohersteller sahen keinen Vorteil darin, sich zum reinen Zulieferer von Google zu machen.

Nun überlässt Waymo die Innenraum- und Fahrzeuggestaltung seinem Partner JLR, gibt auch etwas von seinem Know-How beim autonomen Fahren preis - und lastet mit der Kooperation auch Jaguars Fabriken für ein brandneues Modell aus. Das kann für beide Seiten ein lohnendes Geschäft werden - wenn die Zusammenarbeit reibungslos verläuft. Das muss sich erst weisen.

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