Sonntag, 16. Dezember 2018

Audi-Chef wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft Nach Stadlers Festnahme - Vertriebsvorstand Schot soll Interimschef von Audi werden

Audi-Vertriebsvorstand Bram Schot (links) wird den inhaftierten Rupert Stadler an der Audi-Spitze wohl vorübergehend ersetzen, berichten verschiedene Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Insider
imago/Sven Simon
Audi-Vertriebsvorstand Bram Schot (links) wird den inhaftierten Rupert Stadler an der Audi-Spitze wohl vorübergehend ersetzen, berichten verschiedene Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Insider

Erst vor wenigen Tagen durchsuchten Ermittler die Privatwohnung von Audi-Chef Rupert Stadler. Der Verdacht: Betrug in der Diesel-Affäre. Am Montagvormittag wurde der Manager festgenommen und sitzt in U-Haft, teilt die Staatsanwaltschaft München mit. Nun soll Stadler beurlaubt und Vertriebsvorstand Bram Schot Interimschef bei Audi werden.

Nach der Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler soll der bislang unbelastete Vertriebschef Bram Schot vorerst an die Spitze des Autobauers aufrücken. Der Audi-Aufsichtsrat muss der Personalie noch formal zustimmen, berichten mehrere Nachrichtenagenturen unter auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Der in den Niederlanden geborene Manager ist erst seit September 2017 bei Audi. Stadler werde vorläufig beurlaubt, hieß es.

Zur Stunde berät der Aufsichtsrat noch. Volkswagen äußerte sich noch nicht zum Stand der Beratungen. Audi war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Stadler wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft

Am Montag Vormittag hatte die Staatsanwaltschaft München die Festnahme von Audi-Chef Rupert Stadler bekannt gegeben. In der Dieselaffäre bei Volkswagen sitzt damit erstmals ein Mitglied der obersten Führungsetage in Untersuchungshaft. Das Amtsgericht München erließ am Montag Haftbefehl gegen den Audi-Chef. Der Manager wurde am frühen Morgen bei sich zu Hause in Ingolstadt festgenommen.

"Der Beschuldigte wurde der Ermittlungsrichterin vorgeführt, die den Vollzug der Untersuchungshaft angeordnet hat", teilte die Münchner Ermittlungsbehörde mit. Begründet wurde die Haft mit Verdunkelungsgefahr. Diesen Haftgrund führt die Justiz an, wenn sie befürchtet, dass Beweismittel vernichtet werden könnten oder jemand versucht, auf Zeugen einzuwirken.

Bei der Haftrichterin machte Stadler laut Staatsanwaltschaft keine Angaben zur Sache. Seine Vernehmung soll spätestens am Mittwoch beginnen. Volkswagen und Audi bestätigten die Festnahme Stadlers und erklärten, für ihn gelte weiterhin die Unschuldsvermutung. Ein Sprecher des VW-Eigners Porsche SE sagte: "Es ist klar, dass sich der VW-Aufsichtsrat mit dem Thema beschäftigen wird." Stadlers Anwalt lehnte eine Stellungnahme ab. Laut Staatsanwaltschaft hat die Verteidigung bisher noch keine Erklärungen abgegeben.

Die Nachricht platzte unmittelbar vor einer regulären Aufsichtsratssitzung von Volkswagen in Wolfsburg, bei der der Stand der Ermittlungen in dem Dieselskandal erneut Thema sein wollte. Die Staatsanwaltschaft München hatte erst vergangene Woche überraschend Stadlers Privatwohnung durchsucht und dies mit Betrugsverdacht in der Dieselaffäre begründet. Auch die Wohnung eines anderen amtierenden Audi-Managers war durchsucht worden. Die Zahl der Beschuldigten stieg damit auf 20.

Was machen jetzt Volkswagen-Chef Herbert Diess und der Aufsichtsrat?

Für Volkswagen-Chef Herbert Diess werden die Ermittlungen gegen Stadler zusehends zu einem Problem. Denn er setzt bisher beim Umbau des Wolfsburger Mehr-Markenkonzerns auf den Audi-Chef. Stadler leitet die wichtige Premiumgruppe der Wolfsburger mit der Marke Audi an der Spitze.

Stadler soll nach der Aufdeckung der Manipulationen in den USA von den falschen Abgaswerten auch in Europa gewusst, aber anders als in den USA keinen Vertriebsstopp angeordnet haben. Die Ermittler stützten sich auf die Auswertung von Korrespondenz, verlautete aus Ermittlerkreisen. Im März 2017 und im Februar 2018 hatte es in der Audi-Zentrale in Ingolstadt und im Werk Neckarsulm Razzien gegeben.


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Audi soll in den USA und Europa von 2009 an rund 220.000 Dieselautos mit Schummelsoftware verkauft haben. Seit Ende 2015 hatten sechs Audi-Vorstände ihren Hut nehmen müssen. Stadler leitet Audi seit dem Jahr 2007 und steht seit Bekanntwerden des Abgasskandals vor mehr als zweieinhalb Jahren massiv unter Druck. Gegen den Manager waren immer wieder Rücktrittforderungen laut geworden. Einen Rücktritt lehnte der langjährige Audi-Manager in der Vergangenheit ab. Bisher hatten die Familien Porsche und Piech Stadler trotz aller Kritik im Amt gehalten.

Schots Weg führte über ABN Amro und Daimler zu Volkswagen

Bram Schot, der Stadler nun wohl ersetzen an der Spitze von Audi ersetzen soll, wurde am 12. Juli 1961 in Rotterdam geboren. Er studierte an der Universität Bradford in England Betriebswirtschaft. 1986 begann er seine Karriere als Management-Trainee in der ABN-Amro-Bank, wechselte ein Jahr später zu Mercedes-Benz in den Niederlanden und war dort für den Vertrieb von Nutzfahrzeugen zuständig. Er wurde Landeschef von DaimlerChrysler in den Niederlanden, dann in Italien.

2011 wechselte Schot zum VW-Konzern. Ab 2012 war er Vertriebschef der Volkswagen-Nutzfahrzeuge. Seit September 2017 ist der Manager bei Audi Vorstand für Vertrieb und Marketing.


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In Reaktion auf die Nachricht gaben Vorzugsaktien von Volkswagen Börsen-Chart zeigen am Montag deutlich nach. Mit einem Abschlag von 3,54 Prozent am Nachmittag waren sie der größte Verlierer im Dax Börsen-Chart zeigen. Aktien von Daimler und BMW verloren lediglich jeweils rund 1,6 Prozent während der Dax selbst rund 2 Prozent abrutschte. Mit Stadler sei in der Aufarbeitung der Dieselaffäre der bislang ranghöchste Manager des VW-Konzerns festgenommen worden, sagte ein Händler. Anleger reagierten folglich mit Vorsicht und lösten VW-Positionen auf.

rei/dpa/Reuters

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