Samstag, 25. November 2017

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Hochkaräter von Google, Uber, Tesla gründen "Aurora" Dieses Roboterauto-Startup schreckt die Autobranche auf

Sensoren auf einem Testauto von Honda, das autonom fährt

Wenn Unternehmen der Abgang einer Spitzenkraft richtig wurmt, treten sie gerne nochmal nach - in Form einer Klage. Das Startup Aurora hat diese zweifelhafte Art des Ritterschlags bereits hinter sich: Der US-Elektroautopionier Tesla hat Sterling Anderson und Chris Urmson, zwei der drei Gründer des Startups für autonomes Fahren, vor einigen Monaten eine Klage zugestellt - wegen des angeblichen Abwerbens von mehr als einem Dutzend Tesla-Ingenieuren und dem Klau vertraulicher Informationen.

Anderson und Urmson bestritten die Vorwürfe, Mitte April geschah das Erstaunliche: Aurora und Tesla einigten sich auf die Zahlung von 100.000 Dollar, die die Kosten eines künftigen Audits von Aurora durch Tesla abdecken sollen. Im Gegenzug ließ der Elektroautohersteller sämtliche Vorwürfe gegen die beiden Manager fallen.

Chris Urmson, lange Chef für autonom fahrende Autos bei Google, ist nun CEO des Roboterauto- Startups Aurora

Bei Aurora dürfte der Deal für große Erleichterung sorgen, denn nun hat Hochkaräter-Startup freie Bahn. Und die Erwartungen sind hoch: Denn Aurora vereint drei Superstars der Roboterauto-Bewegung: Anderson war vor seinem Weggang bei Tesla Ende 2016 Chef des Autopilot-Programms, also jenes Bündels an Assistenzsystemen, mit dem Tesla seine Autos in Zukunft autonom fahren lassen will. Urmson leitete bis November 2016 bei Google das Projekt für selbstfahrende Autos. Der dritte im Bunde der Aurora-Gründer, Drew Bagnell, ist Experte für maschinelles Lernen. Er half dem Fahrdienst Uber maßgeblich dabei, dessen Programm für autonomes Fahren anzuschieben.

Alle drei kommen aus dem wissenschaftlichen Bereich, sammelten in den vergangenen Jahren Erfahrungen bei den großen Angreifern im Bereich Roboterautos - und bündeln nun ihre Kräfte. Dem US-Magazin Fortune haben sie vor kurzem erklärt, womit sie künftig punkten wollen. Auroras will gemeinsam mit Autoherstellern oder Zulieferern den richtigen Mix von Sensoren, Software und Datendiensten entwickeln, um damit vollständig selbstfahrende Autos zu verwirklichen.

Nur sechs Millionen Dollar zum Start

Von Anfang an konzentriert sich Aurora, das vor vier Monaten gegründet wurde, auf sogenannte Level 4-Autonomie. Damit sind Fahrzeuge gemeint, die unter bestimmten Bedingungen völlig ohne Zutun eines Fahrers fahren können.

Aurora hat laut Fortune kein Interesse daran, selbst Autos herzustellen oder etwa Sensoren, Kameras oder Radarsysteme in großer Zahl herzustellen. Die Gründer wollen die zugrundeliegenden Technologien für selbstfahrende Autos schaffen. Sie wollen etwa die Sensoren-Designs entwickeln und das Verständnis dafür, welche Art von Rechenpower und Software in autonom fahrenden Autos vorhanden sein müssen. Dafür setzen sie auch auf künstliche Intelligenz - Bagnells Input in diesem Bereich werde dafür entscheidend sein, erklärte Aurora-CEO Urmson gegenüber Fortune.

Damit tritt Aurora, das bislang über ein bescheidenes Startkapital von gerade einmal sechs Millionen Dollar verfügt, in direkte Konkurrenz zu Google, Uber - und den großen Automobilherstellern. Derzeit ist Aurora damit beschäftigt, Leute einzustellen, eine Finanzierungsrunde zu organisieren - und einen Audi Q7 zum selbstfahrenden Testauto umzubauen. Der Audi dient aber vorerst nicht als Showcar, sondern als mobiler Datensammler und fuhr bisher noch nicht autonom. Doch noch in diesem Jahr will Aurora erste selbstfahrende Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen testen.

Aurora will unabhängig bleiben

Aktuell gibt es in der Branche durchaus Konfliktpotenzial über die künftigen Bausteine, die für das autonome Fahren notwendig sind. So haben Audi, BMW und Daimler etwa Nokias ehemalige Karten-Sparte Here gekauft, um bei hochauflösenden Karten nicht abhängig zu sein von Google. Und die Fragen, wer den Zugang zu Kunden, Daten und dem Branding bei Roboterautos kontrolliert, sind noch völlig ungeklärt.

Aurora versucht sich laut Fortune hier als Mittelsmann zu positionieren: Es vereint eine Menge Leute, die die technischen Probleme rund um autonomes Fahren lösen könnten - aber anders als Google, Uber oder andere will Aurora offenbar weder die Marke noch die Daten kontrollieren. Damit dürfte Aurora auch für jene Autohersteller interessant sein, die Nachholbedarf haben im Bereich autonomes Fahren - also etwa Fiat Chrysler, Hyundai oder viele chinesische Autohersteller.

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Laut Fortune beharren die Gründer darauf, dass sie kein Interesse daran haben, von einem größeren Unternehmen aufgekauft zu werden. Ihr Interesse sei es, Selbstfahr-Technologie so schnell und so breit wie möglich auf den Markt zu bringen. Dass sie selbst andere Firmen übernehmen oder strategische Partnerschaften eingehen, sei hingegen gut möglich. Die Autobranche dürfte jedenfalls genau hinsehen, was die Herren Urmson, Anderson und Bagnell in nächster Zeit treiben.

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