Dienstag, 20. November 2018

Interview mit Abgasexperte Peter Mock Dieser Mann hat aus Versehen VW ins Wanken gebracht

Jettas für den nordamerikanischen Markt: Volkswagen erlebt ein Waterloo - eine kleine Non-Profit-Organisation deckte den Abgas-Skandal auf

2. Teil: "Es gibt in Europa einige Hersteller, die schlechter abschneiden als Volkswagen"

Supergau für Volkswagen-Chef Martin Winterkorn: Sein Unternehmen hat jahrelang falsche Angaben zum Abgasausstoß seiner Fahrzeuge in den USA gemacht. Etwa 500.000 Autos müssen zurückgerufen werden, es droht eine Strafzahlung von bis zu 18 Milliarden Dollar. Doch damit ist es nicht getan. manager-magazin.de nennt acht Gründe, warum für VW noch viel mehr auf dem Spiel steht.

Grund Nr. 1: Volkswagen hat seine Kunden und die US-Behörden vorsätzlich hinters Licht geführt.

Das hat der Konzern inzwischen eingestanden. Wer intern verantwortlich ist und welche Schuld Konzernchef Martin Winterkorn trifft, wird nun geklärt. Doch es scheint ausgeschlossen, dass die US-Kunden einen derartigen Vertrauensbruch schnell verzeihen. Vielmehr werden sie die Frage stellen: Welchen Angaben von Volkswagen kann ich künftig überhaupt noch glauben?

Grund Nr. 2: In den USA läuft es ohnehin miserabel für Volkswagen.

Anstatt eines Skandals brauchen die Wolfsburger in den Vereinigten Staaten dringend steigenden Absatz. Im Gesamtjahr liegt VW dort mit 238.000 verkauften Autos bisher 2,8 Prozent unter dem Vorjahreswert, obwohl der Markt wächst.

Grund Nr. 3: Volkswagens wichtigstes Verkaufsargument in den USA ist zerstört.

Als Gegenstück zu Toyotas erfolgreichen Hybridautos hatte Volkswagen den "Clean Diesel" erfunden. Saubere und sparsame Dieselautos waren das große Alleinstellungsmerkmal von Volkswagen in den USA. Doch nun muss man wohl von "Dirty Diesel" reden.

Grund Nr. 4: Volkswagen liegt nicht nur mit der Washingtoner Bundesbehörde im Clinch, sondern auch mit der extrem strengen kalifornischen Luftreinhalte-Behörde (im Bild: Chefin Mary Nichols).

Im von Smog geplanten Los Angeles und anderen Teilen des Bundesstaats hat der Kampf gegen tödliche Luftverschmutzung eine lange Tradition. Wer gegen Auflagen verstößt, hat dort das Image eines Brunnenvergifters.

Grund Nr. 5: Die gerade erzeugte Aufbruchstimmung bei Volkswagen ist dahin.

Der Konzern wollte gerade mit neuen Autos und neuen Topmanagern durchstarten. Auf der IAA präsentierte das Unternehmen seine Idee von umweltfreundlichen Autos der Zukunft (im Bild der Audi E-Tron Quattro Concept mit Audi-Chef Rupert Stadler). Zudem hat das Unternehmen gerade wichtige Personalien geregelt. So führt Hans Dieter Pötsch den Aufsichtsrat und Herbert Diess die Marke Volkswagen. Sie müssen sich jetzt als Krisenmanager bewähren.

Grund Nr. 6: Der Skandal wird sich nicht auf die USA beschränken.

Volkswagen hat nun ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem. Schon wollen Experten wissen, ob der Konzern auch in Europa oder China getrickst hat, wo Luftverschmutzung tausende Tote im Jahr fordert. Die deutsche Umwelthilfe fordert bereits ein Fahrverbot für Diesel-Autos in Deutschland.

Grund Nr. 7: Außer Strafzahlungen drohen Volkswagen in den USA Klagen in milliardenhohem Streitwert.

Autokäufer, Händler, Aktionäre - bereits einen Tag, nachdem Volkswagen die Manipulationen eingeräumt hat, melden sich vermeintlich Geschädigte zu Wort.

Grund Nr. 8: Volkswagen droht eine Vertrauens-Abwärtsspirale.

Investoren wissen nicht mehr, wie sie die VW-Aktie bewerten sollen. Sie wird faktisch zum Zockerpapier. Das belastet auch die Bonität des Unternehmens.

Die Unsicherheit liegt wie ein dunkler Schatten über Aktie und Unternehmen: Da derzeit niemand beziffern kann, auf welche Summe sich mögliche Strafzahlungen und Folgeschäden - nicht nur in den USA - beziffern, werden viele institutionelle Anleger sehr vorsichtig mit der VW-Aktie sein. Offen ist derzeit auch, welche personellen Konsequenzen der Skandal haben wird und wie er sich auf die Führungsstruktur von Europas größtem Autobauer auswirken wird - zumal das US-Recht auch Gefängnisstrafen für Verstöße gegen die Umweltgesetze vorsehen.

mm.de: Welche Folgen wird der Skandal für Deutschland und Europa haben?

Mock: Grenzwert-Überschreitungen auf der Straße sind hier gang und gäbe. Gerade haben wir mit dem ADAC den Stickoxid-Ausstoß einzelner Modelle in Europa untersucht. Da gibt es einige Hersteller, die deutlich schlechter abschneiden als Volkswagen. Im derzeitigen Testzyklus NEFZ halten sie ohne Probleme den Grenzwert ein, aber im künftigen Testzyklus WLTC (der reale Fahrbedingungen näher kommen soll, Anmerkung der Redaktion) stehen sie um ein Vielfaches schlechter da.

mm.de: In Deutschland fahren also neue Autos, die die Schadstoff-Grenzwerte auf den Straßen faktisch nicht einhalten? Drohen jetzt auch hierzulande den Herstellern hohe Strafen?

Mock: Bisher gab es keine offiziellen Nachtests. Diese sollte das Kraftfahrt-Bundesamt aber dringend machen.

mm.de: Welche Strafen drohen Herstellern hierzulande, deren Autos zu viel Schadstoffe ausstoßen?

Mock: Strafen sind hierzulande nicht vorgesehen. Es ist allerdings verboten, eine Software einzubauen, die die Fahrleistung auf dem Prüfstand manipuliert. Sollte eine solche Software nachgewiesen werden, müsste dem betroffenen Auto nach meinem Verständnis die Typgenehmigung entzogen werden.

mm.de: Wie viele Autos könnten in Deutschland betroffen sein?

Mock: Für eine Abschätzung ist es zu früh. Es sind weitere Beweismessungen nötig. Spätestens Anfang 2016 wissen wir mehr.

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Nachtrag: Viele Leser haben sich gefragt, weshalb die Tester keinen Mercedes bekommen haben. Dazu hat Peter Mock nachträglich die Erklärung geliefert: "Tatsache ist, dass wir alle getesteten Fahrzeuge nicht von den Herstellern erhalten haben. Vielmehr nutzen/nutzen wir für unsere Messungen ganz normale Mietwagen, um sicherzustellen, dass diese repräsentativ für die üblichen verkauften Fahrzeugmodelle sind. Zum damaligen Zeitpunkt konnten wir jedoch nicht das gewünschte Mercedes-Modell für die Messungen ausleihen - daher der Fokus auf die zwei VW und das BMW Modell."

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