Donnerstag, 25. August 2016

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Deutsche Manager Abschied von den Langweilern

VW: Der Reputationsverlust für das Unternehmen, für die handelnden Personen und für den Standort Deutschland ist immens

Wir Deutschen haben weltweit den Ruf zuverlässig, ehrlich, pflichtbewusst und regelkonform zu sein. Wir halten Maß, wollen nichts übertreiben und gelten deshalb gerne mal als langweilig. Die Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass deutsche Männer feurigere Liebhaber seien als die Italiener, die Franzosen oder die Spanier, wurde noch nicht veröffentlicht.

Vielleicht hängt das auch mit den Erkenntnissen des österreichischen Philosophen Robert Pfaller zusammen, der behauptet, dass vieles, was Spaß macht, unappetitlich, ungesund oder unanständig ist - und gelegentlich damit verbunden, sich nicht regeltreu zu verhalten.

Ein Konzern wie Volkswagen Börsen-Chart zeigen scheint perfekt zum Image der Deutschen zu passen: solide, bodenständig, zuverlässig. Umso größer ist das Erstaunen, dass sich ein solcher Konzern, respektive seine Manager, einen Skandal leistet, der nicht so recht zum Saubermannimage deutscher Vorstandsetagen passen will. Der Reputationsverlust für das Unternehmen, für die handelnden Personen und für den Standort Deutschland ist immens. Dass der Schaden so groß ist, könnte auch mit dem Bild zusammenhängen, das andere von uns haben. Und mit unserem deutschen Selbstverständnis.

Irina Kummert
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    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search in Berlin.
Wir Deutschen klären auf. Wir wollen immer alles ganz genau wissen. Wir lassen eher eine Erfolgsstory wie das Sommermärchen 2006 den Bach runtergehen und stürzen einen Kaiser vom Thron als darauf zu verzichten, eine Regelübertretung lückenlos aufzuklären.

Dabei stört es uns nicht im Geringsten, dass Fehltritte juristisch noch nicht bewiesen, ja sogar bereits verjährt sind und deshalb keine juristischen Konsequenzen haben werden.

Wir kultivieren die Feindseligkeit von Moral und sind erst zufrieden, wenn Personen, die sich möglicherweise nicht regelkonform verhalten und sich etwas heraus genommen haben, was wir uns versagen, bestraft worden sind und deren Reputation angeschlagen oder sogar dauerhaft zerstört ist.

Wir mögen zwar langweilig sein, aber wir verhalten uns korrekt, und was wir machen, machen wir richtig. Ein gutes Beispiel dafür ist unser Umgang mit der Finanzmarktkrise, die 2007/ 2008 begonnen hat.

Aufrüstung im Bereich Risk Management

Wir reagierten auf das Fehlverhalten einzelner Protagonisten mit einer Regeldichte, die es zwischenzeitlich fraglich erscheinen lässt, ob in einer so wichtigen Branche wie dem Kapitalmarktgeschäft überhaupt noch Innovationen möglich sind oder ob die Aufrüstung im Bereich Risk Management und Compliance sowie unsere Angst davor Fehler zu machen, unsere Bereitschaft Neues zu wagen, nicht vollends lahm gelegt haben.

Die vermeintliche Sicherheit vor dem nächsten Crash lassen wir uns richtig was kosten: Jedes Jahr fallen in deutschen Kreditinstituten etwa 1,4 Milliarden Euro an, die im Zusammenhang mit der Regulierung stehen. Dabei vergessen wir, dass wir die nächste Krise nicht verhindern können, weil wir heute noch gar nicht wissen, welches Gesicht sie haben wird. Wir sichern uns ab. Wir wollen um jeden Preis sauber bleiben und übersehen, dass eine Wirtschaftsethik, die sinnvoll sein soll, dem Wesen des Menschen entsprechen muss.

Regeln tragen in einer Gemeinschaft dazu bei, dass ein Gemeinwesen funktioniert, und es wird zu Recht erwartet, dass sich alle an die vereinbarten Regeln halten. Allerdings transportieren Regeln immer auch die Lust, genau das zu tun, was man nicht tun darf - wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir keine Regeln. Wenn wir uns regelkonform verhalten, entgehen wir möglichen Sanktionen, finden uns nicht mit Negativschlagzeilen auf der ersten Seite einer deutschen Boulevard-Zeitung wieder und müssen kein schlechtes Gewissen haben.

Eine Regel wie "Du sollst nicht lügen" hat demzufolge ziemlich viele Vorteile. Sie hindert uns nicht daran, das belegen wissenschaftliche Studien, durchschnittlich zweimal am Tag zu lügen. Wenn Regeln auch deshalb sinnvoll sind, weil sie das Leben einfacher machen, warum gibt es dann im ökonomischen Kontext so viele Abweichungen? Die Antwort auf diese Frage ist: Es gibt starke, zum Teil im Belohnungssystem unseres Gehirns verankerte Motive, die uns dazu verführen, Regeln zu umgehen oder zu missachten.

Selbstüberschätzung und Selbstbetrug

Der Psychologe Dietrich Dörner hat in seiner Studie "Die Logik des Misslingens" anhand von realen Beispielen gezeigt: Die Verletzung von Vorschriften lohnt sich. Es erleichtert das Leben, wenn man die Einschränkung durch Vorschriften los ist, weil man sich freier bewegen kann. Die positiven Folgen der Verletzung von Vorschriften, so Dörner, führen dazu, dass die Tendenz steigt, sie zu übertreten. Dadurch wiederum steigt die Gefahr, dass es zu Zwischenfällen, zu Krisenszenarien kommt.

Der Evolutionsbiologe Robert Trivers vertritt darüber hinausgehend die These, dass unser Vertrauen in unsere Fähigkeiten und unser Geltungsbedürfnis so groß sind, dass wir grundsätzlich dazu neigen, Regeln zu übertreten. Er kommt in seiner Studie "Deceit and Self-Deception" zu dem Ergebnis, dass Selbstüberschätzung und Selbstbetrug wesentliche Ursachen dafür sind, dass wir andere belügen. Demnach lügen wir, weil wir besser dastehen wollen, als wir sind, und wir scheitern, weil wir uns selbst maßlos überschätzt haben. (Ausführlicher dazu vgl. Kummert, "Schwierigkeiten mit der Moral", 2015)

Schon die Vorstände eines Traditionsunternehmens wie Siemens Börsen-Chart zeigen mussten sich für einen Schmiergeldskandal verantworten, von dem sie sich bis heute nicht ganz erholt haben. Jetzt also Volkswagen. Wieder ein grundsolider Konzern, in dem deutsche Vorzeigemanager, die jede Schwiegermutter sofort für sich eingenommen hätten, zeigen, dass sie für Überraschungen gut, dass sie fehlbar sind.

Vielleicht sollten wir die Geschehnisse der letzten Wochen zum Anlass nehmen, unser Image neu zu definieren. Die Überraschung bei unseren internationalen Partnern gegenüber der Tatsache, dass wir auch nur Menschen sind, wird überschaubar sein. Gewaltig dürfte allerdings die Anerkennung dessen sein, dass wir uns nicht mehr über alle anderen stellen, sondern dazu stehen, dass wir nicht so perfekt sind, wie wir gerne wären und nicht so langweilig wie viele glauben.

Irina Kummert ist Präsidentin vom Ethikverband der deutschen Wirtschaft e.V.


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