Montag, 11. Dezember 2017

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Eine philosophische Sicht auf die Krise der Autobranche Warum wir nicht vom Auto loskommen

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Tut uns leid, lieber Goethe: Was Deutschland im Innersten zusammenhält, sind keine Gedichte. Es ist das Automobil. Die Freude am Fahren, an der Freiheit, die Liebe zum (Vorzeige-)Objekt und der unbedingte (wirtschaftliche) Wille, daran festzuhalten. Eine philosophische Sicht auf eine Branche in der Krise - und eine Nation, die (noch) nicht loskommt von einer alten Perspektive.

Hohe Luft
Ausgabe 6/2017

Philosophie und Wirtschaft

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Eine Autobahn, irgendwo in Deutschland. Auf der linken Spur Fahrzeuge, die, einander permanent überholend und wegdrängend, in rasender Geschwindigkeit und mit drohend blinkender Lichthupe wie Geschosse über den Asphalt donnern. Darin: brave Bürger, die sich für die Dauer der Fahrt in Kampfpiloten verwandelt haben. Warum? Weil das Automobil für uns Deutsche Selbstbewegung, Selbstermächtigung, Freiheit bedeutet.

In fast allen Ländern gibt es ein generelles Tempolimit auf den Straßen. Nur in Deutschland gestattet man dem Fahrer, was er sonst nirgends darf - so schnell zu fahren, wie er will.


"Freie Bürger fordern freie Fahrt" - mit diesem Slogan startete der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) im Februar 1974, mitten in der Ölkrise, seine Kampagne gegen einen Tempolimit-Großversuch auf den Bundesautobahnen. Die Parole gehört noch immer zur automobilen "Leitkultur" des Landes, ein generelles Tempolimit gilt als politisch nicht durchsetzbar. Die Frage des Automobils ist bis heute eng verbunden mit der Frage nach dem "Deutschen", nach unserer Identität, nach unserer Perspektive auf die Welt.

Aber nun steckt das Auto - und damit das deutsche Selbstverständnis - in der Krise. In der Debatte um die deutsche Autoindustrie verdichtet sich heute, wie im Zylinder eines Verbrennungsmotors, ein Gemisch aus zentralen Fragen unserer Zeit: Globalisierung, Klimawandel, Digitalisierung. Es geht nicht nur um Abgaswerte, betrügerische Manipulationen und Kartellverdacht, sondern auch um einen tiefgreifenden Wandel, der die Autonation Deutschland in ihrem Innersten trifft.

Die Dieselkrise ist die Krise des Verbrennungsmotors. Sie ist aber auch die Krise einer nahezu totalen Autokultur, die dieses Land bis in den letzten Winkel durchdringt. "Deutschland hat das Auto erfunden, perfektioniert und sich emotional und ökonomisch davon abhängig gemacht", schreibt der Mobilitätsforscher Stephan Rammler in seiner Streitschrift "Volk ohne Wagen".

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Welche Bedeutung das Automobil für die Deutschen hat, zeigen schon die nackten Zahlen: Die Automobilindustrie hat heute 800.000 direkt Beschäftigte; rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze hängen indirekt vom Auto ab. Im Vorjahr erwirtschaftete die Autoindustrie einen Umsatz von mehr als 400 Milliarden Euro. Ein Ende des Verbrennungsmotors, so eine aktuelle Ifo-Studie, würde 600.000 Arbeitsplätze bedrohen - das sind rund zehn Prozent der Beschäftigten in der deutschen Industrie.

Mehr als jeder zweite Deutsche besitzt ein eigenes Fahrzeug. 70 Prozent von ihnen fahren regelmäßig, über ein Drittel sogar täglich. Keine andere Form der Fortbewegung ist derart beliebt. Im Jahr 2014 etwa haben die Deutschen mehr als 929 Milliarden Kilometer per Auto zurückgelegt, so hat es der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer ausgerechnet - das entspricht dem 1,2-Millionen-Fachen der Entfernung zum Mond und zurück. "Ohne Auto funktioniert Deutschland nicht", schreibt Dudenhöffer.

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