Samstag, 10. Dezember 2016

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US-Autoschmiede Bringt Local Motors den Trabi zurück nach Berlin?

Local Motors: Autos on Demand
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Local Motors

Local Motors baut Fahrzeuge nach Entwürfen seiner Online-Community. Das spart Zeit und Geld: In nur 18 Monaten hat das Unternehmen einen neuen Geländewagen entwickelt. Nun kommt die Firma nach Berlin - und schürt Hoffnungen auf die Rückkehr einer Auto-Ikone.

Hamburg - Die Bereitschaft ist da: "Ich kann mir definitiv vorstellen, dass die Berliner begeistert wären, eine Neuauflage des Trabant zu sehen", sagt Damien Declercq. Sein Arbeitgeber Local Motors hat sich auf Kleinserien-Autos für regionale Nischenmärkte spezialisiert. Als Verantwortlicher für "New Business Development" bereitet Declercq derzeit in Berlin die Expansion der Marke nach Europa vor. Ein moderner Trabant für die deutsche Hauptstadt würde da gut ins Angebot passen.

Ob ein neuer Trabi tatsächlich gebaut wird, haben auch die Berliner in der Hand: Local Motors baut, was eine Online-Community aus Designern und anderen Auto-Enthusiasten zuvor vorgeschlagen, diskutiert und entwickelt hat - eine Trabant-Idee existiert auf der Plattform bereits. Das allerletzte Wort hat schließlich das Management des Unternehmens. So ist auch der Rally Fighter entstanden, ein Geländewagen für den wüsten Südwesten der USA, das erste fertige Auto aus Local-Motors-Produktion.

Die US-Firma ist eines der weltweit ehrgeizigsten Projekte, mit den Vorteilen des Internet traditionelle Geschäftsmodelle auszuhebeln. Vor allem bei komplexen und hochwertigen Gütern gilt das bislang als schwierig, weil Entwicklung, Produktion und Qualitätskontrolle eine ausgeklügelte Feinabstimmung brauchen.

Bei Local Motors startet die Entwicklung im Netz mit Online-Design-Wettbewerben. Die Local-Motors-Ingenieure geben beispielsweise die Region, den Antrieb oder die Sitzkonfiguration vor, für die ein Auto entworfen werden soll. Mehr als 45.000 Auto-Enthusiasten sind in der Community angemeldet; Local Motors selbst beschäftigt laut Website derzeit 79 Mitarbeiter.

Im Rally Fighter röhrt ein Corvette-Motor

Das intensive Crowdsourcing macht die Entwicklung neuer Fahrzeuge laut Unternehmensangaben sowohl schneller als auch günstiger: 18 Monate habe die Entwicklung des Rally Fighters gedauert, 3,6 Millionen Dollar habe die Firma in ihn investiert. Zum Vergleich: Große Autohersteller stecken oft mehr als eine Milliarde Dollar in ein neues Modell. Zwischen erster Skizze und Serienreife liegen oft fünf bis sieben Jahre. Hersteller von Kleinserien wie der Luxus-Autobauer Lotus sind allerdings ebenfalls schneller.

Kosten spart Local Motors jedoch nicht nur durch das Outsourcing des Autodesigns: "Wenn wir ein Fahrzeug bauen, versuchen wir, so viele existierende Komponenten wie möglich zu verwerten", sagt Damien Declercq. "Im Rally Fighter haben wir etwa den Motor einer Corvette und die Rücklichter von Hondas Accord-Coupé verbaut." Zudem werde ein Großteil der Produktion an lokale Partner ausgegliedert - auch das halte Investitionskosten gering.

Die eigenen Produktionsstätten, "Mikrofabriken" genannt, nutzt Local Motors vor allem für Prototypenbau und Endmontage. Auf der Fläche einer gewöhnlichen Lagerhalle vereinen sie Produktionsanlagen mit Werkstatt und Showroom. Bislang betreibt das Unternehmen drei Mikrofabriken in den USA, in den nächsten zehn Jahren sollen es weltweit 100 werden. Derzeit entstehen bei Local Motors vier unterschiedliche Gefährte: Der Rally Fighter; ein Retro-Motorrad; ein ebenfalls auf antik getrimmtes Elektrofahrrad; und ein Sport-Dreirad für Erwachsene. Alle sind im Netz entworfen worden.

Ein Pizzawagen als Vorbild

Auch in der deutschen Hauptstadt könnte eine Mikrofabrik entstehen: "Wir werden unser Hauptquartier in Berlin aufbauen - da würde es viel Sinn ergeben, dort auch eine Mikrofabrik aufzubauen. Allerdings: Wenn es in einer anderen Stadt ein interessantes Projekt gibt, könnten wir auch woanders mit der europäischen Produktion starten", sagt Declercq. Sicher ist hingegen: Local Motors will in Europa ganz neue Fahrzeuge entwickeln.

"Verglichen mit den Vereinigten Staaten haben Europäer ein viel stärker ausgeprägtes Umweltbewusstsein", sagt der Manager. "Europäische Städte unterscheiden sich zudem grundlegend von amerikanischen und ihren Straßen. Deshalb passen unsere derzeitigen Fahrzeuge nicht so recht zum europäischen Markt - wir werden daher neue entwickeln."

Declercq lotet nun aus, welche Partner in Berlin mit Local Motors kooperieren könnten und welche Fahrzeugtypen in der deutschen Hauptstadt gebraucht würden. Vorbild für die Arbeit in Berlin könne eine Zusammenarbeit des Unternehmens mit der Lieferkette Domino´s Pizza in den USA sein. Mit einem seiner Wettbewerbe hat der Autobauer dort nach einem neuen Liefervehikel gesucht. In Berlin sei bislang noch nichts mit dem Unternehmen geplant - ähnliche Kooperationen sind aber durchaus vorstellbar.

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