Samstag, 3. Dezember 2016

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Ex-Google-Entwickler Sebastian Thrun "Mehr bieten als eine motorisierte Blechkiste auf Rädern"

Roboterauto-Pionier: Der gebürtige Deutsche Sebastian Thrun war von 2011 bis 2012 Chefentwickler des Google-Autos

Der Internetkonzern Google entwickelt selbstfahrende Autos. Sebastian Thrun war daran wesentlich beteiligt: Im Interview erklärt er, welche Zielgruppen Google Car im Blick hat - und warum seine Frau dem Autopiloten mehr vertraut als ihm selbst.

mm: Herr Thrun, als Sie begannen, für Google das selbst fahrende Auto zu entwickeln: wer waren Ihr Wettbewerber, wer die Gegner, welche Märkte wollten Sie für Google erobern?

Thrun: Es gab keinen Gegner, keinen Wettbewerb. Es ging einzig darum, das Autofahren sicherer zu machen.

mm: Aber es war doch Googles erster Schritt in automobile Märkte!

Thrun: Das mag rückblickend so erscheinen. Als Leiter des Innovationslabors GoogleX ging es mir jedoch einzig darum, die jährliche Zahl der Unfallopfer im Straßenverkehr zu verringern und die Automobilität auch einem Publikum zugänglich zu machen, das bisher davon ausgeschlossen war.

mm: Welche Käufer- oder Nutzergruppen hatten Sie dabei im Blick?

Thrun: Das war keine Marketingaktion. Wir wollten erreichen, dass auch Sehbehinderte Auto fahren können und in den Nutzen motorisierter Mobilität kommen.

  • Copyright: Florian Renner für manager magazin
    Florian Renner für manager magazin
    Wer gewinnt den Kampf der Kulturen in der Autoindustrie? Nicht nur Tesla, auch Google und Apple treten gegen Audi, BMW und Mercedes an. Lesen Sie den ausführlichen Report im aktuellen manager magazin.
mm: Eine winzige Minderheit im Vergleich zu dem betriebenen Aufwand.

Thrun: Sie sehen das so nüchtern ökonomisch? Haben Sie eine Vorstellung, was es für einen Blinden bedeutet, mobil zu sein? Ich hatte nur den humanitären Fortschritt vor Augen. Im übrigen auch für alte Menschen, für Kinder und Jugendliche, für Betrunkene und Menschen unter Drogeneinfluss, für Mailschreiber und anderweitig Abgelenkte.

mm: Ist das ein zivilisatorischer Fortschritt: Betrunkene, Kiffer und Facebook-Junkies nach Hause zu fahren? Die können auch ein Taxi nehmen oder Uber nutzen.

Thrun: Menschen machen Fehler, auch im Straßenverkehr. Es geht darum, diese Fehler und die daraus resultierenden Unfälle zu vermeiden, das Autofahren sicherer zu machen. Als ich 18 war und noch in Hildesheim lebte, habe ich einen Freund in einem Verkehrsunfall verloren. Er kam auf dem Beifahrersitz eines Audi Quattro zu Tode, als der Pilot, ein Nachbarsjunge, auf glatter Straße die Kontrolle über das Auto verlor. Später, in den USA, wurde eine unserer Projektleiterinnen Opfer eines unachtsamen Fahrers, der mit überhöhter Geschwindigkeit in die Kreuzung hineinschoss, in der sie auf der Abbiegerspur wartete. Diese Verluste habe ich nie verschmerzt.

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