Montag, 15. Oktober 2018

Die neuen Schwerpunkte des VW-Chefs  Das macht Diess anders als Müller

VW-Chef Herbert Diess: Enorme Machtfülle - und mehr Tempo bei Entscheidungen

Dick auftragen oder hart austeilen? Dafür ist der neue Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess nicht zu haben bei seinem ersten Auftritt vor den Volkswagen-Aktionären. In weinroter Krawatte und blauem Hemd trägt er seine Rede im Berliner Messezentrum CityCube vor - und beginnt sie mit maximaler Nüchternheit. Er freue sich, erstmals in neuer Funktion als Vorstandsvorsitzender zu den Aktionären sprechen zu dürfen, eröffnet Diess artig seine Rede.

Da hatte sein Vorgänger Matthias Müller vor einem Jahr schon etwas dramatischer begonnen: Mit einem Zitat eines Aktionärs, dass ihn der Konzern enttäuscht habe. Wie Müller vor Jahresfrist kommt auch Diess nicht umhin, zuerst auf die Dieselkrise einzugehen. Ein zentrales Anliegen übernimmt er aber von seinem Vorgänger: Die Mahnung, dass sich die Kultur bei Volkswagen ändern müsse. Eine gesunde Unternehmenskultur sei sein wichtigstes Anliegen, sagt Diess an einer Stelle. Offener, transparenter, anständiger soll Volkswagen künftig agieren. Diess will das mit einer neuen Unternehmensstruktur schaffen, die den Konzern in mehrere Markengruppen aufteilt - ein Plan, den Müller nicht unbedingt unterstützt haben soll.

Schlaglicht: Wie Diess Volkswagen umbauen will

Beim Kulturwandel sei der Konzern "sicher noch am weitesten vom Ziel entfernt", gab Müller noch Mitte März auf der Jahrespressekonferenz der Volkswagen AG zu. Solche Eingeständnisse gibt es bei Diess nicht. Er fordert zwar, dass im Konzern auch "unbequeme Wahrheiten" ausgesprochen werden. Volkswagen brauche eine "Kultur des konstruktiven Widerspruchs, in der wir aus Fehlern lernen".

Herbert Diess' Agenda im Video: "Volkswagen muss anständiger werden"

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Bild: REUTERS / Volkswagen

Diess will erreichen, dass Compliance und Integrität denselben Stellenwert bekommen wie Fahrzeugentwicklung oder Vertrieb. Dafür wolle VW etwa das interne Hinweisgebersystem leistungsfähiger machen und Lieferantenbeziehungen überprüfen.

"Mehr Verbindlichkeit bei der Umsetzung von Entscheidungen"

Insgesamt präsentiert sich Diess vor seinen Aktionären als entscheidungs- und durchsetzungsstarker Manager - und grenzt sich damit von Müller ab, dem vom Aufsichtsrat in diesen Punkten Schwächen vorgeworfen wurden. So sagt Diess etwa, dass sein neues Führungmodell "Schluss macht" mit Doppelarbeit und langen Entscheidungswegen. Die neue Markengruppenaufteilung wird "zu mehr Verbindlichkeit bei der Umsetzung von Entscheidungen führen", kündigt der neue Volkswagen-Chef an.

Das sind Worte, die nicht nur bei den Aktionären gut ankommen - sondern auch im Aufsichtsrat. Und trotz aller Betonung, dass die anstehenden Aufgaben im Team und nicht von Einzelkämpfern gelöst werden sollen, hat Diess bei vielen wesentlichen Entscheidungen das letzte Wort.

Wie er in seiner Rede ausführt, laufen in den wichtigsten Bereichen die Fäden bei ihm selbst zusammen: Diess ist künftig nicht nur für die Organisationsentwicklung zuständig, sondern auch für die Marken- und Produktstrategie. Auch die Fahrzeug-IT fällt in sein Ressort - und noch die Konzernforschung und Entwicklung.

Enorme Machtfülle des neuen VW-Chefs

Letztere will Diess zwar "perspektivisch" an Audi abgeben. Aber auch dann bleibt ihm noch eine enorme Machtfülle. Vor einem Jahr versprach Müller noch, im Bereich Forschung und Entwicklung bis 2020 um ein Drittel effizienter zu werden. In Diess' Rede finden sich solche Zahlenvorgaben nur spärlich. Stattdessen spricht er lieber darüber, dass er der Konzern schnellere Entscheidungswege braucht: Was einzelne Markengruppen entscheiden können, soll nicht mehr auf Konzernebene eigens diskutiert werden, verspricht er.

Und bei einer wesentlichen Basis für VWs geplante Elektroauto-Offensive weicht Diess deutlich vom Kurs seines Vorgängers ab. Müller hat sich mehrfach dagegen ausgesprochen, eine eigene Batteriezellenfertigung in Deutschland aufzubauen. Bei Diess klingt das nun auf Nachfrage eines Aktionärs etwas anders.

Für eine wirtschaftlich vertretbare Zellenfertigung in Deutschland müssen von der Politik entsprechende Förderbedingungen geschafft werden, sagt er in der Frage- und Antwortrunde. Mit anderen Worten: Er schließt eine Zellfertigung nicht mehr aus, falls die Politik mitspielt.

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