Freitag, 24. November 2017

Endzeitstimmung bei Faraday Future Warum zwei deutsche Top-Manager ein gehyptes chinesisches Start-up verlassen

So nicht: Stefan Krause, hier noch als Finanzvorstand in Diensten der Deutschen Bank, hat Faraday Future verlassen.

Fast einen Monat blieb alles still. Stefan Krause und Ulrich Kranz hatten ihre Jobs bei Faraday Future gekündigt, das sino-amerikanische Elektroauto-Startup hatte gleichzeitig den Finanz- und den Technikchef verloren. Aber nichts drang nach draußen.

Dann kam der Knall. Erst berichtete der amerikanische Internetdienst "Jalopnik", der langjährige BMW- und Deutsche-Bank-Vorstand Krause habe Faraday Future verlassen. Die Nachricht über Kranz' Abgang folgte - und tags drauf sandte Faraday-Future-CEO und Haupteigentümer Jia Yueting seinen Vorständen wüste Worte nach: Faraday habe die Verträge mit den beiden mit sofortiger Wirkung beendet. "Rechtswidriges Verhalten und Pflichtverletzung" gar warf Jia Krause vor und drohte mit rechtlichen Schritten.

Schließlich antwortete Krause, die Vorwürfe seien "haltlos und verleumderisch". Er habe schon am 14. Oktober gekündigt, und zwar von sich aus. Die Umstände seines Abgangs würden von Faraday Future falsch dargestellt.

Krause habe recht, heißt es im Unternehmen; und die Hintergründe dieses Streits seien bedrohlich für den chinesischen Milliardär und seinen Versuch, ein ultrasportliches Elektroauto auf die Straße zu bringen. Von drohender Zahlungsunfähigkeit ist die Rede, von Zulieferern, die nicht bezahlt wurden und von Investoren, die nicht einstiegen, weil CEO Jia nicht abtreten wollte.

Die Geschichte beginnt mit einem chinesischen Milliardär, der einen elektrisch angetriebenen Supersportwagen bauen will. Der FF91, ein SUV, soll rund 1050 PS auf die Straße bringen; eine Akkuladung soll 600 Kilometer Reichweite garantieren. Jia Yueting, mit seinen Unternehmen Leshi und LeEco eigentlich auf Konsumgüterelektronik spezialisiert, holt sich für sein Projekt eine internationale Truppe zusammen, siedelt sie im kalifornischen Gardena an und verspricht: 2019 soll das Auto fertig sein.

Als es Ende 2016 Probleme bei der Finanzierung gibt, soll Stefan Krause helfen. Jia macht den bei der Deutschen Bank ausgeschiedenen Vorstand im Februar 2017 zum Finanzchef und COO. Fünf Monate später folgt Ulrich Kranz, der bei BMW das Project i geleitet hatte. Kranz hatte unter anderem die Elektromodelle i3 und i8 verantwortet, BMW jedoch verlassen, nachdem Nachfolgeprojekte auf Eis gelegt wurden.

Da indes waren die Finanzierungsprobleme schon weiter gewachsen. Die chinesische Regierung hatte 180 Millionen Dollar von Jia Yuetings Vermögen eingefroren. Der Milliardär soll Kreditzinsen nicht bezahlt haben. Finanzchef Krause sei in den Büchern immer wieder auf versteckte Schulden gestoßen, heißt es im Unternehmen. Faraday Future begrub schließlich auch den Plan, eine eigene Fabrik in Nevada zu bauen. Stattdessen bereitete man die Produktion des FF91 in einem (deutlich billigeren) alten Pirelli-Werk bei San Francisco vor.

Krauses Bemühungen um neue Investoren endeten allzu häufig an der gleichen Stelle. Nach Durchsicht der Zahlen verabschiedeten sich die Interessenten oder bestanden darauf, dass Jia Yueting seine Position als CEO aufgibt. Doch der Chef blieb.

140 Millionen Dollar hätten zuletzt gefehlt, heißt es im Unternehmen. Zulieferer hätten noch gut 100 Millionen Dollar gefordert, zusätzlich seien Kreditfinanzierungen fällig. Die Situation sei so schwierig geworden, dass den Investoren ein Modell auf Basis einer Chapter-11-Insolvenz präsentiert worden sei. Dabei gibt es die Chance, das Unternehmen zu erhalten; auch der US-Autohersteller GM hatte sich 2009 so vor dem drohenden Aus gerettet. Jia, der heute rund 70 Prozent der Faraday-Aktien hält, hätte indes den Großteil seines Anteils verloren.

Unter anderem hätten sich europäische und chinesische Autohersteller Faraday Future angeschaut, heißt es in Finanzkreisen. Mit dem indischen Mahindra-Konzern seien ernsthafte Gespräche geführt worden. Mindestens drei an der FF91-Technologie interessierte Investoren hätten konkrete Angebote vorgelegt, über Summen von gut 700 Millionen Dollar sei gesprochen worden. Doch Jia habe stets blockiert. Er wolle den Chefposten nicht aufgeben.

Als Krause und Kranz die Lage dann im Oktober zu heikel wurde, haben sie gekündigt. Der Finanzvorstand fürchtete laut Insidern, wegen Insolvenzverschleppung belangt werden zu können, wenn er noch viel länger bleibe und immer wieder von Eigentümer und CEO Jia blockiert werde. Weder das Unternehmen noch Stefan Krause wollten die Ereignisse über ihre Pressemitteilungen hinaus kommentieren. Ulrich Kranz war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Bei Faraday Future jedenfalls macht sich Endzeitstimmung breit. Mit und kurz vor den beiden Deutschen verließen etliche andere Topmanager das Unternehmen. Unter anderem gingen der von Ford gekommene Produktionschef Bill Strickland, der für den Einkauf verantwortliche Tom Wessner und Interior-Design-Chef Pontus Fontaeus. Der Akku leert sich.

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH