Dienstag, 22. August 2017

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Stromversorger bremsen BMW i3 "Die Ladesäule, an der Sie stehen, gibt es gar nicht"

Stromtankstelle verzweifelt gesucht: Leiden statt Laden
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5. Teil: Gefährliche Falle an der Tankstelle von Eon

So wird die Stufe beim rückwärts Ausparken (das erforderlich ist, weil der Weg nach vorn durch ein parkendes Auto versperrt ist) zur Falle. Quietschend setzt sich der Unterboden des i3 auf die Kante, dabei reißt es die Schraube eines Blechs heraus. Sofort richten sich die Blicke der Fußgänger auf den Wagen, und das ist in diesem Fall gar kein gutes Gefühl.

Auch wenn sich das Fahrzeug aus eigener Kraft befreien kann und der Schaden überschaubar ist, wie sich später herausstellt - allerspätestens jetzt ist der Moment erreicht, an wo das Verlangen nach einem "normalen Auto" wächst. Welcher "normale" Tankstellenbetreiber würde eine solche Zufahrt zu seinen Zapfsäulen ersinnen? Und welche Behörde würde sie genehmigen?

Nach 24 Stunden mit dem i3 von BMW Börsen-Chart zeigen ist jedenfalls klar: Selbst Bertha Benz hatte 1888 wohl weniger Probleme mit dem Nachtanken, als sie mit dem Benz Patent-Motorwagen die erste automobile Fernfahrt unternahm und an einer Apotheke Benzin kaufte.

Radius ohne Ladesäulen halbiert

Die Stromanbieter haben bisher kein Konzept gefunden, Elektroautos im öffentlichen Raum komfortabel mit Strom zu versorgen. Offenbar erwarten sie nicht viel von dem Geschäft, sonst würden sie ihre Kunden nicht so konsequent vergraulen.

Tatsächlich ist der Stromanschluss in der eigenen Garage für Fahrer von Elektroautos am wichtigsten; das zeigen zahlreiche Untersuchungen aus den USA, wo bereits knapp 100.000 Batteriefahrzeuge im Jahr verkauft werden.

Und doch könnte ein funktionierendes Netz von Ladesäulen die Attraktivität von Elektroautos deutlich erhöhen. Wer ausschließlich zu Hause laden kann, hat nur einen Aktionsradius, der halb so groß ist, als wenn es am Zielort eine funktionierende Stromtankstelle geben würde.

Im Fall des i3, bei dem die Reichweite konservativ veranschlagt etwa 120 Kilometer beträgt, heißt das: Wer in Lübeck wohnt, kann bei einem Ausflug nach Hamburg (Entfernung: 70 Kilometer) nicht sicher sein, wieder nach Hause zu kommen. Gibt es eine funktionierende Ladesäule, ist es kein Problem.

Energieversorger nutzen Trend nicht

Vermutlich sind die derzeitigen Schwierigkeiten Kinderkrankheiten. In den USA sind Parkplätze an Supermärkten und Flughäfen häufig bereits vollgepflastert mit Ladesäulen, und Autobauer Tesla Börsen-Chart zeigen baut ein Netz von kostenlosen Schnellladesäulen zwischen großen Städten.

Dennoch wirkt das Vorgehen der Versorger in Deutschland erschreckend unprofessionell. Für sie hält die Zukunft vermutlich nicht viel Schönes bereit. Ihre Kraftwerke werfen immer weniger Gewinn ab, Bürger und Firmen produzieren Elektrizität zunehmend selbst, zudem dürften die steigenden Temperaturen mittelfristig den Gas- und Wärmemarkt stark belasten.

Einer von ganz wenigen großen Trends, von denen die Versorger profitieren könnten, ist die Elektromobilität. Doch offenbar reicht ihre Kraft schon jetzt nicht mehr für die erforderlichen Investitionen, die ihnen langfristig ein gutes Geschäft versprechen. Für Fahrer eines so innovativen Autos wie dem i3 ist das einfach nur schmerzlich. Die Zeit für den Wagen ist in Deutschland offenbar noch nicht reif.

Auf den missglückten Fahrtest hat es mehr als hundert Reaktionen der Leser gegeben. Eine Zusammenfassung finden Sie hier .

Lesen Sie auch, wie mein Kollege Wilfried Eckl-Dorna das Fahrverhalten und die interaktiven Dienste im BMW i3 beurteilt.

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