Sonntag, 28. August 2016

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Sanierung des einstigen Autoradio-Riesen gescheitert Blaupunkt schaltet seine deutsche Zentrale ab

Das waren noch Erfolgszeiten: Im August 1999 präsentierte Blaupunkt sein "vergoldetes" 100-millionstes Autoradio, einen CD-Tuner Biarritz RDM 169

Blaupunkt war jahrzehntelang für seine Autoradios weltweit bekannt, Anfang der 1980er stellte die Marke Europas erstes Straßennavi vor. Der digitale Wandel in der Autobranche drängte das Technikunternehmen jedoch ins ins Abseits. Nun muss die insolvente Traditionsmarke in Deutschland den Aus-Knopf drücken - und damit ein weiteres Kapitel der deutschen Unterhaltungselektronik-Historie beenden.

Es ist der Schlusspunkt eines langen Niedergangs: Die Blaupunkt-Unternehmenszentrale im niedersächsischen Hildesheim, jahrzehntelang die Keimzelle vieler deutscher Autoradios, wird aufgelöst. Das teilte Insolvenzverwalter Rainer Eckert Anfang der Woche mit. Demnächst erhalten die letzten 33 Mitarbeiter einer am Standort verbliebenen Sparte ihre Kündigungen.

Der Erhalt der Jobs sei in letzter Sekunde gescheitert. Stattdessen gehe die Lizenz für das Blaupunkt-Einzelhandelsgeschäft in Europa an einen Investor, der nur noch den Lagerbestand übernehme, aber weder Mitarbeiter noch Standort. "Ich bedauere diese Entwicklung umso mehr, als eine Lösung zum Greifen nah war", sagte Eckert.

Die Blaupunkt-Zentrale in Niedersachsen ist damit Geschichte - und die Marke ereilt damit ein Schicksal, dass sie mit einigen anderen Kultmarken teilt. Blaupunkt steht für Meilensteine im Auto: Vor gut 80 Jahren präsentierte der Blaupunkt-Vorgänger Ideal Europas erstes Autoradio. Nach dem zweiten Weltkrieg zog das Unternehmen mit dem blauen Punkt von Berlin nach Hildesheim. Über sechs Jahrzehnte gehörte Blaupunkt zum schwäbischen Technikkonzern und Automobilzulieferer Bosch.


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So sah das erste Navigationsgerät von Blaupunkt im Jahr 1983 aus
Auch das erste Navigationsgerät für den Straßenverkehr kam in den 1980er-Jahren von Blaupunkt, damals bereits unter dem Dach von Bosch. Der Prototyp hieß 1983 Eva - "Elektronischer Verkehrslotse für Autofahrer". Seine Landkarte war seinerzeit noch auf einer Kassette gespeichert, deren Datenvolumen gerade einmal für die Hildesheimer Innenstadt reichte. CD und später die DVD erlaubten dann mehr Speicherplatz, der für ganze Deutschland- und Europakarten ausreichte.

Doch Blaupunkt schaffte es nicht, sich im Navi-Geschäft zum richtig großen Player aufzuschwingen. Das gelang eher Spezialunternehmen wie dem niederländischen Anbieter TomTom oder der US-Firma Garmin. Und auch im Kerngeschäft mit der Auto-Unterhaltungselektronik liefen die Geschäfte seit den 2000er-Jahren liefen die Geschäfte immer schlechter. Deshalb stießen die Schwaben Ende 2008 Blaupunkt an den Münchener Finanzinvestor Aurelius ab.

Ein Grund für den Verkauf durch Bosch war der digitale Wandel im Auto. Jahrzehntelang waren Autoradios abgeschlossene Systeme in einem genormten Schacht. Seit den 2000er-Jahren vernetzen Autohersteller ihre Radios immer stärker mit der Bordelektronik. Erstausrüster-Radios sind heute komplexe, in die gesamte Autoelektronik eingebundene Systeme - und lassen sich deshalb nicht mehr einfach austauschen.

Damit bröckelte gleich zwei der für Blaupunkt wichtigsten Umsatzbringer weg: Das Erstausrüster-Geschäft ging zusehends an Elektronik-Spezialisten, die Unterhaltungselektronik, Software samt Anbindung von Smartphones liefern konnten. Und das Geschäft mit der Nachrüstung leistungsstärkerer, besser klingender Autoradios, das Blaupunkt jahrelang gute Profite bescherte, brach innerhalb weniger Jahre komplett weg. Denn die Zeiten, in denen sich Fahrer dicke Subwoofer, teure Boxen und Equalizer für besseren Klang ins Auto schrauben ließen, sind endgültig vorbei.

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