Dienstag, 18. September 2018

Autoindustrie hofft auf Zollsenkung Null-Zoll statt Handelskrieg - so könnte es gehen

Autofreund Richard Grenell

Richard Grenell ist in der seriösen Wirtschaftsdiplomatie angekommen. Zum Start als US-Botschafter in Berlin präsentierte er sich noch ganz undiplomatisch, erteilte deutschen Firmen Ratschläge zum Iran-Geschäft, zeigte offene Sympathie für rechte Kräfte in Europa und lieferte ansonsten Stoff für die bunte Presse.

Jetzt könnte Grenell zur Schlüsselfigur werden, um den großen Handelsstreit zwischen Amerika und Europa zu entschärfen, bevor er den Kern der deutschen Industrie trifft. Laut "Handelsblatt" sind Chefs der großen Konzerne Herbert Diess (Volkswagen Börsen-Chart zeigen), Harald Krüger (BMW Börsen-Chart zeigen) und Dieter Zetsche (Daimler Börsen-Chart zeigen) zum Friedensgespräch beim US-Botschafter angetreten.

Der schlug, wie zuvor schon US-Präsident Donald Trump, vor, die gegenseitigen Zölle auf Autos und Autoteile von 10 Prozent in der EU, 2,5 Prozent in den USA (25 Prozent auf Vans und Pick-ups) gleichzeitig auf Null zu senken.

Zollfreier Handel statt Handelskrieg mit 20 Prozent Strafzoll und 300-Milliarden-Dollar-Revanche - das klingt doch verlockend.

Natürlich entscheidet weder Grenell noch Diess, Krüger oder Zetsche über Zölle. Noch nicht einmal die Bundesregierung ist in dieser Frage kompetent. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hatte sich im Mai für ein Zollsenkungsangebot an die USA ausgesprochen - als Wunsch, die für Handelspolitik zuständige EU-Kommission möge ein solches Angebot unterbreiten.

Neben BMW, VW und Daimler würde auch Fiat Chrysler profitieren

Formell wäre also Handelskommissarin Cecilia Malmström die richtige Adressatin. Aber sie braucht Rückendeckung für ihr Handeln. Ein Abkommen, das die EU-Diplomaten abschließen, müssten anschließend die 28 nationalen Regierungen der EU-Mitgliedstaaten billigen. Die richten sich stark nach den Interessen ihrer eigenen Industrie. Außerdem haben die Autokonzerne einen direkten Draht nach Brüssel, mit ihren eigenen Repräsentanzen und dem Branchenverband ACEA.

Der betont die Bedeutung der eigenen Industrie: Sie sorge für 90 Milliarden Euro von 290 Milliarden Euro Handelsüberschuss der EU. 29 Prozent der Autoexporte gehen in die USA. "Wir müssen das reine Zahlenspiel hinter uns lassen", erklärt ACEA-Generalsekretär Erik Jonnaert.

Viele der in ACEA organisierten europäischen Konzerne haben große US-Werke - BMW beispielsweise zählt zu den stärksten Exporteuren von US-Autos nach Europa. Aber auch Fiat Chrysler oder die auf beiden Kontinenten produzierenden asiatischen Hersteller wären Profiteure einer europäischen Marktöffnung, die Trump als Sieg Amerikas präsentieren könnte.

Europäische Marktöffnung als Punktsieg für Trump

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich für Trumps Vorschlag offen. Laut "Financial Times" prüft die EU, genau einen solchen Deal vorzuschlagen, wenn sich Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident Donald Trump in diesem Monat treffen.

Südkorea und Japan sollten ebenfalls einbezogen werden, auch um dem Eindruck entgegenzuwirken, Trumps Wunsch nach bilateralen Abkommen werde das weltweite Rahmenwerk WTO geopfert. So ganz absolut war dieses Bekenntnis zum Multilateralismus der Europäer bisher aber auch nicht.

Mit Japan hat die EU bereits Ende 2017 ein Abkommen namens Jefta abgeschlossen, das auch als "cars for cheese" bekannt wurde. Die EU verspricht, Zölle auf japanische Autos (mit Übergangsfristen) abzuschaffen, während im Gegenzug Japans Markt für Milchprodukte geöffnet wird.

Skepsis gibt es unter EU-Diplomaten, ob ein solcher Branchendeal dazu führen könnte, dass die EU ihren Widerstand gegen andere Handelsschranken wie die bereits geltenden Stahlzölle vergessen würde. Andere Industrien und damit andere Länder, in denen die Autoindustrie nicht dasselbe Gewicht hat wie in Deutschland, würden darunter leiden.

Dennoch sieht es so aus: Wenn es einen Ausweg aus dem drohenden Handelskrieg gibt, dann könnte er so noch relativ elegant gelingen.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH