Sonntag, 28. August 2016

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Absatzkrise Europas Autobauern steht verlorenes Jahrzehnt bevor

Top 5: Die wichtigsten Automärkte der Zukunft
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REUTERS

Keine Besserung bis mindestens 2020: In Westeuropa droht die Autokrise zum Dauerzustand zu werden, zeigt eine Studie. Schon heute arbeiten mehr als die Hälfte aller Werke unprofitabel. Auch für E-Autos sehen die Experten schwarz.

Hamburg - Norbert Reithofer hält nichts von Schönfärberei. "Wir gehen davon aus, dass wir auch in den kommenden Monaten gerade in vielen europäischen Märkten keinen Rückenwind haben werden", sagte der BMW-Chef Anfang Mai. Im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche rechne er nicht mit einer kurzfristigen Erholung im zweiten Halbjahr. Im Gegenteil: Die Krise in Europa werde noch "mindestens fünf Jahre" anhalten, so Reithofer.

Doch selbst diese Einschätzung des BMW-Lenkers könnte sich als zu positiv herausstellen. Im Absatzmarkt Europa, einem der wichtigsten der Welt, sind die Verkäufe im Mai auf ein 20-Jahres-Tief gefallen. Und was noch besorgniserregender ist: Die aktuelle Krise droht zum Dauerzustand zu werden. Dieses düstere Szenario malt die Unternehmensberatung AlixPartners. "Für den Automarkt in Westeuropa ist in diesem Jahrzehnt kein Wachstum zu erwarten", sagt Elmar Kades, Managing Director bei AlixPartners.

Demnach wird die Talsohle nicht schon in diesem Jahr, sondern erst 2014 erreicht. Die Zahl der verkauften Autos soll von 12,3 Millionen im Jahr 2013 auf zwölf Millionen im kommenden Jahr fallen. Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Prognosen: Die Erholung fällt über Jahre hinweg aus. Der Absatz verharre auf dem Niveau des Tiefpunkts bis zum Jahr 2020.

Strukturelle Krise statt zyklischer Wiederbelebung

Mit anderen Worten: An eine zyklische Wiederbelebung des Markts nach der Krise glauben die Experten nicht. Vielmehr würden tiefgreifende strukturelle Veränderungen dafür sorgen, dass die Verkaufszahlen in dieser Dekade am Boden bleiben. Sieben Gründe führe die Marktbeobachter dafür an:

  • Aufgrund der Schuldenkrise ist die Arbeitslosigkeit in Südeuropa so hoch wie nie zuvor. Und Arbeitslose kaufen keine Autos. Das gilt insbesondere für die Millionen von Jugendlichen ohne Job. Die "verlorene Generation" werde auch auf Jahre hinaus sich keine größeren Anschaffungen leisten können.
  • Wer noch einen Job hat, muss häufig mit einem sinkenden oder stagnierenden Einkommen leben. Für einen neuen Pkw reicht das Geld nicht.
  • Autos werden seltener als Statussymbol gesehen.
  • Die Auto-Dichte in Metropolen nimmt ab. Zugleich ziehen viele Menschen vom Land in die Städte.
  • Ältere Menschen fahren weniger. Der demografische Wandel sorgt folglich für eine geringere Autonachfrage.
  • Die Autoqualität hat sich verbessert. Die Wagen werden länger gefahren, bevor sie durch neue ersetzt werden.
  • Höhere Umweltschutz- und Sicherheitsauflagen treiben die Preise.

Die geringe Nachfrage hat in Europa tiefe Spuren bei den Autoherstellern hinterlassen. Von den 100 größten Werken werde mehr als jedes zweite (58 Prozent) in diesem Jahr Verluste einfahren. Sie operieren laut der Studie unter der kritischen Auslastungsschwelle von 75 bis 80 Prozent. Der Anteil der nicht ausgelasteten Fabriken hat laut der Analyse binnen zwei Jahren um drastische 50 Prozent zugelegt.

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